 Von unserem Redaktionsmitglied Doris Pieper
Gütersloh (gl). Das Entsetzen über die Toten der Duisburger Loveparade sitzt tief. Die Trauer ist groß – wie die Wut darüber, dass niemand die Verantwortung übernehmen will. Die bislang ergebnislose Suche nach Schuldigen offenbart die Ohnmacht der Menschen. Über die Fassungslosigkeit angesichts des Geschehenen, über die Mechanismen, die nun greifen, und über den künftigen Umgang mit solchen Massenspektakeln sprach die „Glocke“ mit dem Gütersloher Jugendpsychotherapeut Peter Koschinski.
„Die Glocke“:Herr Koschinski, was macht für Jugendliche den Reiz einer Massenveranstaltung wie der Loveparade aus?
Koschinski: Solch ein Stück Subkultur macht mobil. Sie gibt einem die Möglichkeit zu zeigen, dass man zur viel propgagierten Spaßgesellschaft gehört. Dort ist alles erlaubt: laute Musik, Alkohol, Drogen, sexuelle Freizügigkeit. Das ist ein einziger Rausch. Der Einzelne geht auf in einem ungeheuren Gefühl von Gruppenstärke, erlebt Omnipotzenz. Das ist wie in der Nordkurve beim Fußball. Nur viel, viel stärker.
„Die Glocke“: Aber?
Koschinski: Das ist nur der angenehme, doch durchaus schon zweischneidige Teil. Denn solch ein Massenspektakel wie die Loveparade ist sowohl ein Aufbäumen gegen eine vom Werteverfall gezeichnete Gesellschaft, als gleichzeitig auch dessen Verstärkung.
„Die Glocke“: Wo beginnt dann der wirklich unangenehme Teil?
Koschinski: Dort, wo die organisatorischen Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen und wie in Duisburg zu einer tödlichen Katastrophe führen, die unser aller Sicherheitsgefühl, unser Urvertrauen erschüttert.
„Die Glocke“: Nicht nur unzählige Teilnehmer der Loveparade haben ihre Trauer bekundet. Es werden auch von Unbeteiligten Kerzen angezündet, Protestnoten verfasst, Chatrooms eingerichtet, unablässig in den Medien Statements abgegeben, Demonstrationen und Benefizveranstaltungen für die Opfer veranstaltet. Ist das der richtige Weg?
Koschinski: Es gibt keine pauschale Verarbeitung von Erlebtem. Aber ich finde alles richtig, was Ventilfunktion hat, was hilft, mit der eigenen Hilflosigkeit umzugehen und wieder standfest zu werden. Dabei kommt es immer auf die Persönlichkeit des Einzelnen an und darauf, ob er Beziehungspersonen hat, die ihn auffangen. Gibt es die nicht, kann jede Geste, jeder Chatroom helfen, der Verwirrung den notwendigen Raum zu geben. Damit beginnt die Trauerarbeit.
„Die Glocke“: Es geht aber auch um die Verarbeitung von Wut angesichts dessen, dass keiner die Verantwortung für Toten übernehmen will.
Koschinski: Ja, weil die Frage nach einem eindeutigen Aggressor unbeantwortet bleibt, gibt es keine klare Schuldzuweisung. Das verstärkt unsere Ohnmacht und macht wütend. Aber noch etwas ist ganz wichtig: Es geht auch um Scham. Überlebende haben oft ein schlechtes Gewissen, weil sie im Gegensatz zu anderen dem Tod entkommen sind. Man kennt das von jüdischen KZ-Insassen, die den Holocaust überlebt haben.
„Die Glocke“:Es ist viel von traumatisierten Festival-Teilnehmern die Rede. Ab wann spricht der Fachmann davon?
Koschinski: Wenn die Angst der Betroffenen beispielsweise vor Menschenmassen nicht mehr abebbt und sich im Alltag niederschlägt. Plötzlich erträgt man schon die Enge in einem Bus nicht mehr, meidet die Menschenschlange an der Aldi-Kasse, zieht sich in die soziale Isolation zurück. Die diversen Erinnerungsfetzen müssen immer an das Erlebte, Gehörte oder Gefühlte gekoppelt bleiben und dürfen nicht allgemein werden. Das Angstgefühl darf nicht chronisch werden oder sich psychosomatisch auswirken.
„Die Glocke“: Viele Menschen sind verunsichert, wollen künftig Großveranstaltungen meiden. Eltern wollen ihren Kindern beispielsweise den Besuch von Rock- und Popkonzerten verbieten . . .
Koschinski: Dazu zwei Dinge: Zunächst einmal sind jetzt alle sensibilisiert für solche Gefahrenpunkte. Man hat begriffen, mit welcher physikalischen Macht sich Masse auf den Einzelnen auswirken kann. Zudem gilt: Jede strikte Vermeidungshaltung erzeugt nur neue Angst. Es gibt nun einmal keine Garantie auf Unversehrtheit. Man sollte immer daran denken, dass es im Straßenverkehr weit mehr Tote als bei Großveranstaltungen gibt. Außerdem gehört Angst zum Leben. Sie ist ein wichtiges Gefühl, denn sie aktiviert unsere Vorsicht und unseren Fluchtinstinkt. Manche suchen sie geradezu, um einen besonderen Kick zu erleben. Problematisch wird es nur, wenn die „gesunde Angst“ durch Alkohol oder Drogen gedeckelt wird, wenn der Rausch eine alles verdrängende Euphorie erzeugt.
„Die Glocke“: Wo können sich betroffene Jugendliche aus dem Kreis Gütersloh Hilfe holen?
Koschinski: Wer nicht schon in Duisburg durch die Erstversorger vor Ort Hilfe oder Adressen genannt bekommen hat, kann sich an den erst kürzlich gegründetenArbeitskreis Kinder- und Jugendlichen- Psychotherapeuten in Ostwestfalen-Lippe, kurz KJP-OWL, wenden.
„Die Glocke“: Wird man sich irgendwann wieder unvoreingenommen auf ein Massenspektakel freuen können?
Koschinski: Selbst die World-Trade-Katastrophe vom 11. September 2001 in New York hat gezeigt, dass wir nach dem damals totalen Verlust unseres Sicherheitsgefühls irgendwann wieder festen Boden unter den Füßen bekommen haben. Die Erinnerung daran ist zwar gelieben, die Bilder sind noch im Kopf, aber der maßlose Schrecken ob solcher Unvorhersehbarkeit ist in den Hintergrund getreten.
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