Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber Muhammed und seine Familie freuen sich über jeden kleinen Schritt, der ihn näher zu seinem großen Ziel führt. Mutter Esme Pak schätzt vor allem die kleinen Erfolge am Wegesrand. „Seitdem unser Jüngster Judo trainiert, ist er viel selbstbewusster geworden. Er hat längst nicht mehr so viel Angst vor Fremden wie früher.“
Knapp drei Monate sind vergangen, seit Muhammed seine sportliche Laufbahn beim WTV begonnen hat. Seitdem wird zweimal pro Woche diszipliniert trainiert. In der Piusturnhalle zeigt Trainer-Assistentin Jasmin Brinkmeier dem von Geburt an blinden Sohn türkischstämmiger Eltern Kampf- und Verteidigungstricks. „Doch auch das richtige Hinfallen will gelernt sein“, sagt die 15-jährige Gesamtschülerin, die stolze Trägerin des blauen Gürtels ist.
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Es sei nicht ganz leicht, einem Blinden teils höchst komplexe Judotechniken beizubringen, sagt Jasmin. Trotzdem habe sie die Herausforderung gern angenommen. „Als unser Trainer gefragt hat, wer von den Assistenten sich um einen blinden Judoschüler kümmern will, habe ich nicht lange überlegt.“
Bereut hat die Zehntklässlerin ihre Entscheidung bislang nicht. „Muhammed ist ein guter Schüler.“ Um dem Jungen, der eine Sonderschule für Blinde in Bielefeld besucht, auch schwierigere Bewegungsabfolgen beibringen zu können, bedient sie sich eines einfachen Tricks: „Wir denken uns gemeinsam Geschichten oder Geräusche aus, die Muhammed mit den entsprechenden Übungen verbindet. So weiß er immer genau, was gerade zu tun ist.“ Vorführen, Zuschauen und Nachmachen – so simpel, wie Sehenden Judo beizubringen, sei es in Muhammeds Fall nun mal nicht.
Dennoch: Dass der Neunjährige, der überdies an Diabetes und Glutenunverträglichkeit leidet, nichts sehen kann, sei zumindest beim Training sogar ein Vorteil. „Er muss sich auf sein Gefühl verlassen und durch den Körperkontakt mit seinem Gegenüber erahnen, was dieser vorhat“, sagt Jasmin. Auf diese Weise lerne er vielmehr, als wenn er die ganze Zeit auf seine Füße schauen würde – ein gerade unter Anfängern weit verbreiteter Fehler.
„Wenn wir trainieren, erzählt Muhammed am liebsten von Schafen, seiner Freundin oder Lady Gaga“, sagt Jasmin Brinkmeier und lacht. Keine Frage, der blinde Junge und die Trainer-Assistentin haben sich wechselseitig ins Herz geschlossen. Das freut auch Mutter Esme Pak: „Wenn Muhammed viel spricht, bedeutet das, dass er sich gut aufgehoben fühlt.“ Weil er nicht sehen kann, sei der Neunjährige Fremden gegenüber oft erst zurückhaltend.
Dass sein Sohn den Judosport für sich entdeckt hat, findet Vater Selehattin Pak prima. „Weil er nicht sehen kann, sind viele Sportarten, die Jungen in seinem Alter für gewöhnlich gerne betreiben, von vornherein ausgefallen.“ An Fußballspielen im Verein sei beispielsweise nicht zu denken gewesen. Dennoch sei es ihm und seiner Frau wichtig, dass Muhammed über die sportliche Schiene mit Gleichaltrigen in Kontakt kommt und seine Freizeit sinnvoll einsetzt.
Mit seiner Wahl ist Muhammed zuhause in bester Gesellschaft. Denn auch seine älteren Brüder Zekerya und Alaaddin sind leidenschaftliche Kampfsportler. In der Akademie Lee frönen sie dem Kung-Fu. Auch Schwester Jülide hat schon ihre Erfahrungen mit dem Sport der Brüder gemacht. „Beim Spielen hat mich Muhammed erst kürzlich mit einem Judotrick schachmatt gesetzt.“

