Der Vorsitzende Richter Reinhold Hülsmann hatte am zweiten Verhandlungstag dem angeklagten Paderborner (40) und seinem Schweizer Komplizen (48) jeweils eine Haftstrafe zwischen 6 und 7 Jahren in Aussicht gestellt – ein volles Geständnis vorausgesetzt. Die 37-jährige Ehefrau des Paderborners, die an der Konzeption des Betrugssystems nach Ansicht des Gerichts nicht in gleichem Maß beteiligt war, hätte 5 bis 6 Jahre zu erwarten.
In diesen Strafhöchstmaßen hatte Richter Hülsmann auch den Schaden berücksichtigt, den die Betrüger Kunden der Sparkasse Paderborn zugefügt haben sollen. Weil dieser mit rund 310.000 Euro vergleichsweise gering ist, schlug Hülsmann vor, sich auf den Komplex „Bankverein Werther“ zu konzentrieren. In diesem Fall könnten die Strafen auf 5 bis 6 Jahre bei den Männern und 4 bis 5 Jahre bei der Frau reduziert werden, so sein Vorschlag.
|
|
Mit der Konzentration auf Werther zeigte sich die Staatsanwaltschaft nach einer einstündigen Unterbrechung der Verhandlung einverstanden, doch bei den Strafen forderte sie jeweils ein halbes Jahr Haft zusätzlich. Ob es aber überhaupt zu einem solchen „Deal“ zwischen Anklage und Angeklagten kommt, ist fraglich. Denn auf Geständnisse warteten Gericht und Zuschauer am Freitag vergeblich. Die Bedenkzeit sei zu kurz gewesen, ließen die Angeklagten über ihre Anwälte erklären, nachdem das Verfahren für eine Stunde unterbrochen worden war.
Lediglich der 40-jährige Paderborner ließ ankündigen, er werde sich am 27. September zu den Vorwürfen einlassen, allerdings nicht voll geständig, denn der Sachverhalt sei nicht so, wie die Anklage ihn darstelle. Seine Ehefrau (37) reklamierte mehr Zeit. Der Verteidiger des Schweizers erklärte, man sage „erst einmal nicht Nein“ zum Vorschlag des Gerichts.
Wie mehrfach berichtet, sollen die drei Angeklagten ein betrügerisches System aufgebaut haben, das auf der vermeintlichen Teilnahme an einem Gewinnspiel basierte. Mit dem Versprechen einer Geld-zurück-Garantie bei Nichtgewinn sollen sie zwischen November 2008 und Januar 2010 Menschen zur Herausgabe ihrer Kontodaten verleitet haben. Von Konten bei der Sparkasse Paderborn und beim Bankverein Werther sollen die Angeklagten in rund 330.000 Fällen mittels Lastschrift insgesamt knapp 19 Millionen Euro abgebucht haben. In 40 Prozent der Fälle ließen die Kontoinhaber das Geld rechtzeitig zurückbuchen, so dass beim Bankverein Werther letztlich ein Schaden von 10 Millionen Euro entstand und bei der Sparkasse Paderborn von 310 000 Euro.
Überraschend hat am Freitag die Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold in Werther bekanntgegeben, dass sie das Privat- und Firmenkundengeschäft des Bankvereins Werther zum 1. Dezember übernimmt. Danyon Lloyd, Vorstandssprecher der Bankverein Werther AG, erklärte, das private Geldinstitut lege seinen Schwerpunkt künftig auf die Geschäftsbereiche Strategische Partnerschaften sowie „Cards and Payments“. Dahinter steht vor allem das Kreditkarten- und Transaktionsgeschäft.
Wegen der Neuausrichtung habe man sich entschieden, das regionale Firmen- und Privatkundengeschäft in Werther und Bielefeld mit insgesamt 7000 Kunden „an einen starken Partner zu übergeben“, mit dem man zudem die genossenschaftlichen Wurzeln teile, sagte Lloyd. Auf dem regionalen Bankenmarkt sei der Bankverein Werther aufgrund seiner Größe „nicht wirklich wettbewerbsfähig“. Man sei auf die Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold zugegangen und habe ihr den Kauf des Stammhausgeschäfts angeboten.
Mit den kriminellen Machenschaften der drei mutmaßlichen Betrüger habe der Verkauf „überhaupt nichts“ zu tun, versicherten Vertreter beider Geldinstitute. Ende 2010 hat die Staatsanwaltschaft Bielefeld Ermittlungen gegen Verantwortliche des Bankvereins Werther wegen möglicher Beihilfe zum Betrug aufgenommen.
Der Bankverein Werther wurde 1877 gegründet und später in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Zum 30. Juni dieses Jahres umfasste das betreute Kundenvermögen 61,8 Millionen Euro. Das Kundenkreditvolumen betrug 34,8 Millionen Euro. Von den 33 Mitarbeitern gehören 14 zum Stammhausgeschäft.
Die Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold zählt nach eigenen Angaben mit einer Bilanzsumme von 3,7 Milliarden Euro zu einer der größten Volksbanken in Deutschland. Sie betreut mit 740 Mitarbeitern rund 225 000 Kunden und unterhält 57 Filialen.

