Von der Lust mit List Regeln zu brechen
Bild: Pieper
Im Rahmen des Literatur- und Musikfestivals „Wege durch das Land“ waren (v.l.) Autor und Übersetzer Frank Heibert, die künstlerischen Festivalleiter Helene Grass und Albrecht Simons von Bockum Dolffs sowie der britische Pianist Sam Haywood am Freitag auf Gut Geissel.
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 Einmal mehr, so erklärte die neue Festivalleiterin Helene Grass am Freitag in ihrer Begrüßung, wolle man mit einem frankophilen Programm eine Brücke zur Historie des schmucken westfälischen Schultenhofs schlagen, der zur napoleonischen Zeit „commune marie“, französischer Amtssitz, war. Daher waren Raymond Queneaus „Stilübungen“ zur anspruchsvollen Abendunterhaltung auf der voll besetzten Deele auserkoren worden.

Eigentlich geht es um eine mehr als belanglose Geschichte, die in nur zehn Sätzen von einer Rempelei zwischen zwei Männern in einem Pariser Bus berichtet. Doch Queneau (1903 – 1976), bekennender Avantgardist und liebäugelnder Surrealist, machte daraus ein irrwitziges Konglomerat intelligenter, teils dadaistischer Wortspielereien. 99-mal erzählt er die Geschichte – in immer anderer Version. Mal romantisch, mal, böse, mal metaphorisch, mal subversiv. Er fabuliert schwülstig mit ausufernden Adjektiven, dann wieder vulgär: Er formuliert die Begebenheit gespenstisch oder – „cucina importanta“ – mit völligem Nonsens gewürzt auf „makaronisch“. Er liefert eine nüchtern mathematische, ein plaudertaschen-weibliche und auch eine erschreckend reaktionäre Variante, in dem die Rempelei im Bus zur tickenden Zeitbombe wird, weil sich dort plötzlich die Aggression gegen Fremde Bahn bricht.

Spätestens da dürfte jedem klar gewesen sein, dass Queneau kein weinseliger Wort-Erbrecher und -Verdreher ist, sondern ein Autor, der die Regelhaftigkeit von Sprache als allgemeingültiges Verständigungssystem durch Überspitzung und Verfremdung bewusst in Frage stellt. Und weil er das im Vichy-Frankreich zur Zeit der NS-Besatzung tat, witterten die Machthaber darin den Versuch, auch ihr politisches System subversiv unterwandern zu wollen. Weshalb Queneau in den 40er-Jahren nur von Zeitungen veröffentlicht wurde, die der Résistance nahestanden. Sprache als Werkzeug der literarischen Dekonstruktion und als eines der politischen Demontage.

Schrullige Einfälle und charmante Capricen

Daten und Fakten, die die Lesung auf Gut Geissel zur unerwarteten Lehrstunde machten. Als selbstbewusster Dozent im breiten Nadelstreifenanzug und mit ebensolchem Lächeln empfahl sich nachdrücklich der Autor, Übersetzer und Musiker Frank Heibert. Er ist just für seine zusammen mit Hinrich Schmidt-Henkel herausgebrachte Neuübersetzung der „Stilübungen“ von der Kunststiftung NRW ausgezeichnet worden.

Auf Gut Geissel erwies sich der Queneau-Kenner und -Liebhaber als wissender, nicht enden wollender Wortexperimentator. Er scheute weder vorm Reim-Adel eines Alexandriners noch vor abstrusen Alliterationen zurück. Selbst bei zungenbrecherischen Buchstabenmixturen blieb Heibert ein „Wechstabenverbuxler“ ohne jeden Stotterer. Exzellent, aber auch anstrengend. Etwas weniger wäre mehr gewesen. Trotzdem: Chapeau fürs ideenreichen Übersetzen und gewiefte Vortragen.

Dem schwierig-schwafelnd-schwelgerisch-schönem Wortfeuerwerk Queneaus eine passende Musik zuzuordnen, ist nicht leicht. Aber Eric Satie geht immer. Weshalb der britische Pianist Sam Haywood wohl auch dessen aparten, aus zig Filmen und leider auch Fahrstühlen bekannten Dreiminüter „Gymnopedie No. 1“ sowie „Gnossienne No. 1“ an den Anfang setzte.

Die komplette Kritik lesen Sie in der „Glocke“ vom 13. Juni.

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