Annette Görtz auf Expansionskurs
Bild: Pieper
Annette Görtz, erfolgreiche Gütersloher Modedesignerin und Geschäftsfrau, ist weiter auf Expansionskurs.
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 Selbst wenn Bundeskanzlerin Merkel aktuell fordert, die Beziehungen zu China auszubauen, kann die 55-jährige Geschäftsfrau aus Westfalen locker mithalten: Auf der jüngsten „Chic“ in Peking war die Görtz-Kollektion in aller Munde. Entsprechende Aufträge wurden geschrieben.

„Das war schon ein interessanter Einstieg“, stapelt Görtz-Ehemann Jörg Welsch als Vertriebschef des Unternehmens tief. Immerhin handelt es sich bei der „Chic“ um Asiens größte Modemesse mit mehr als 1000 Ausstellern. Europäischen Couturiers gilt sie als schwer zu nehmende Hürde für den von ihnen bislang kaum erschlossenen asiatischen, vor allem chinesischen Modemarkt. Man exportiert lieber, statt zu importieren.

„Es ist vertriebstechnisch ein kompliziertes Land“, sagt Welsch. Es finden sich keine ausgebauten Einzelhandelsstrukturen wie in Deutschland, die er nutzen könnte. Textilgeschäfte, die mehrere hochwertige Labels führen, gebe es noch zu wenige. Selbst Nobelmarken tun sich schwer: Zwar nimmt die Zahl ihrer sogenannten Flagship-Stores in den chinesischen Millionenmetropolen zu, aber der Verkauf ist nicht einfach, wenn selbst chinesischen Regierungsbeamten per Dekret der Parteispitze untersagt ist, Prada oder Chanel zu tragen.

Görtz will genau dahinter einhaken, zielt auf die selbstbewussten Frauen der erstarkenden Mittelschicht. Ihr mittelfristiges Ziel ist es daher, eine Agentur im fernen Osten als Partner zu finden, der die bürokratischen Export-Import-Hindernisse meistert und die Ware an potenzielle Händler vermittelt. „Das Interesse an unseren Kollektionen ist eindeutig vorhanden“, gibt sich Welsch zuversichtlich. Und er weiß auch warum: „Es ist typisch für sozialistisch oder kommunistisch geprägte Länder, dass sich gerade dort die Lust auf Luxus und Individualität stark entwickelt.“ Da gleiche der chinesische Markt durchaus dem russischen.

Auf dem kennt sich Annette Görtz gut aus. Seit langem unterhält sie eigene Läden unter anderem in Moskau, Petersburg und Krasnojarsk. Ebenso in der Ukraine. Gerät man da zwischen die politischen Fronten? „Intelligent denkende Menschen in Russland sind nicht anti-ukrainisch eingestellt“, wiegelt Welsch ab. Sollte Russland irgendwann aber ein Importverbot verhängen, würde das auch die Gütersloher Modemacher empfindlich treffen. „Immerhin machen wir in der Ukraine einen siebenstelligen Umsatz.“

Aufstocken oder umziehen, das ist die Frage

Die beiden Geschäfte in Kiew liefen trotz der bürgerkriegsähnlichen Unruhen im Land nach wie vor gut. „Mode ist dort zur Ersatzbefriedigung geworden“, analysiert Welsch. Der Store in der Schwarzmeer-Metropole Odessa war eine Zeit lang geschlossen – „weil die Touristen weggeblieben sind“ – hat jetzt aber wieder geöffnet. Zu sind aber die beiden Dependancen im umkämpften Donetzk. „Ich habe Anweisung gegeben, dass alle von dort erfolgten Stornierungen akzeptiert werden“, sagt Welsch. Es habe schließlich wenig Sinn, Ware in ein Gebiet zu liefern, wo sie nicht abfließen könne oder einfach verschwinden würde. Westfälischer Pragmatismus trifft gesunden Geschäftssinn.

Mehr als 500 Stores beliefert das Gütersloher Unternehmen, das seit 1998 an der Hans-Böckler-Straße seinen Firmensitz hat, mittlerweile weltweit. Davon allein knapp 80 in den USA und Kanada. „Vom kleinen, aber feinen inhabergeführten Geschäft bis zum Edel-Einkaufserlebnis auf der 5th Avenue in New York ist alles dabei“, sagt Welsch nicht ohne Stolz. Mit dem Export macht Görtz rund 70 Prozent ihres Umsatzes.

Es läuft gut. Man will weiter expandieren – 2015 auch in Gütersloh. „Wir platzen hier aus allen Nähten“, sagt Welsch. Rund 1200 Quadratmeter umfasst der Firmensitz mit Verwaltung, Designabteilung, Näherei und Lager. 40 Mitarbeiter sind dort insgesamt beschäftigt. Ob am Lager angebaut oder es nach oben hin durch eine weitere Etage erweitert wird, steht noch nicht fest. Eine entsprechende Bauvoranfrage will Welsch einreichen.

Immer für eine Alternative gut, überlegt er aber auch laut weiter: „Eine interessante Industriebrache umzubauen, das wäre richtig spannend. Am liebsten würden wir in solch ein schönes altes Gebäude ziehen, wie es die Medienfabrik für sich gefunden hat.“ Über entsprechende Angebote würde er sich freuen. Dass Gütersloh Firmenstandort bleibt, ist für das privat in Langenberg ansässige Paar (noch) keine Frage.

Es hat auch so genug zu bedenken: die Renovierung des Wiedenbrücker Hauses an der Langen Straße, der 1991 eröffneten Keimzelle des Unternehmens, und den Umzug seines Düsseldorfer Vorzeige-Monostores in die 1-A-Lage an der Königsallee Nr. 33. Die Eröffnung wird dort am 12. Juli gefeiert.

„Ich wundere mich manchmal, wie entspannt meine Frau bei all den Projekten bleibt“, gesteht Welsch. Aber sie habe auch ein ausgesprochen gutes Kreativ-Team im Rücken, könne sich auf ihre Designer verlassen. Dann können sie ja kommen, die nächsten Modemessen in Paris, Berlin, China oder wo auch immer.

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