Gütersloh feiert Startenor Jonas Kaufmann
Bild: Pieper
Bravoröse Kunstlied-Kür: Startenor Jonas Kaufmann und sein Leib-Pianist Helmut Deutsch begeisterten am Mittwochabend erwartungsgemäß das Publikum im Theater Gütersloh
Bild: Pieper

Dass der umworbene Heldentenor, der jüngst noch als Lohengrin in Paris glänzte, in Gütersloh kein Bravourarien-Programm schmetterte, sondern das Publikum mit dem Liedabend zwang, sich 70 Minuten ganz der Romantik Schuberts zu ergeben, hat dem Genre Kunstlied sicher gut getan und vielleicht den ein oder anderen neuen Freund beschert. Dass Jonas Kaufmann mit seiner überaus starken Bühnenpräsenz und der immer wieder durchbrechenden Arien-Leidenschaft aber nur bedingt dem introvertiert-unsicheren und verblendeten Müllersburschen gerecht werden kann, wurde auch deutlich. Da fehlte denn doch die ein oder andere berühmte Schubert-Träne.

Nichtsdestotrotz, die ostwestfälischen Musikfreunde und viele auswärtige Besucher, darunter aus der Schweiz, Spanien, Frankreich und den Niederlanden, fühlten sich mehr als entschädigt. Denn Kaufmann hatte das ursprünglich für November geplante Konzert wegen einer Stimmband-Erkrankung abgesagt. Und auch der erhoffte Ersatztermin im Januar war – wie sein Auftritt zur Eröffnung der Elbphilharmonie – von dem 47-Jährigen kurzfristig wegen einer Erkältung gecancelt worden. „Dafür haben Sie jetzt die Gelegenheit, meinen ersten Liederabend seit meiner Genesung zu erleben“, schenkte der charismatische Tenor seinen Fans ein Stück Exklusivität zurück – ehe er als liebeskranker Müllersbursche mit forschem Tempo in seinen Untergang marschierte.

Als genialer (Weg-)Begleiter erwies sich dabei Kaufmanns Leib-Pianist Helmut Deutsch. Ein Erfolgsgespann, das auch schon in der New Yorker Met auftrat. Deutsch ist ein Patriarch an den Tasten, der mit quecksilbrigen Läufen, wunderbar fließenden Bögen und wilden Parforcejagden Schuberts Komposition klassisch-nobel interpretierte – dem Bach und den Dingen dabei auf zauberhafte Art ihren Lauf ließ.

Pure Magie im Saal

Zielbewusst und stimmtechnisch versiert vollzog Kaufmanns warmtimbrierte Stimme vor diesem Hintergrund den langsamen Wechsel vom eingangs plaudernden Erzählton über den ersten Zweifel zur späteren puren Verzweiflung und Todessehnsucht. Präzise lotete er Schuberts psychologische Schattierungen aus: von der beseelten Unsicherheit des einseitig Verliebten („Ich frage keine Blume“) über den tiefgründelnden, zart-melancholischen „Tränenregen“ („Wir saßen so traulich beisammen“) bis hin zum eifersüchtig-wütenden Ausbruch gegen den Jäger, der in der Gunst der Müllerstochter vorn liegt („In Grün will ich mich kleiden“).

Immer dann, wenn’s leidenschaftlich wurde, wusste das Phänomen Kaufmann mit unantastbarer Grandezza zu glänzen. Die hohen Piano-Stellen indes sang er nicht aus, hielt die Stimme im Schongang.

 Am Ende aber, beim schwärmerisch-schönen Wiegenlied, als der Bach den Müllersburschen in die Ewigkeit trug, da war in der Stecknadelstille des Theaters pure Magie zu spüren. Als Zugaben servierte Kaufmann Schuberts neckische „Forelle“ und mit einer gehörigen Portion schelmischer Selbstironie Goethes „Musensohn“. Das ließ das Publikum - und den Startenor - zufrieden strahlen.

SOCIAL BOOKMARKS