Gütersloher ist König der leichten Muse

Der 55-Jährige, Spross des Gütersloher Möbel-Unternehmens, ist der gefeierte Prinzipal des ältesten Privattheaters der Hansestadt. Seit zehn Jahren leitet er sehr erfolgreich eines der vier deutschsprachigen Operettenhäuser mit Repertoire-Programm.

 Eine Karriere, die Wellerdiek nicht geplant hat. „Natürlich war meine Ausbildung darauf ausgerichtet, unser Möbelhaus in Gütersloh zu übernehmen“, sagt er. Aber weil er nicht im Schatten eines übermächtigen Vaters stehen wollte und konnte, verließ er die Dalkestadt. Wellerdiek, den seine Mutter früh an Literatur und Theater heranführte und der bei seiner Oma so gern die Johannes-Heesters-Platten hörte, ging nach München und New York, wo er sich als Tenor sowie in Tanz und Schauspiel ausbilden ließ. Gerade mal 21 Jahre alt, strandete er an der Elbe.

 In den ersten Jahren verdiente er sein Geld als Entertainer auf Kreuzfahrtschiffen. „Da habe ich begriffen, welche Art von Musik das Publikum wirklich mag.“ Er entwickelte den Hamburger Elbsommer, etablierte die sogenannte „leichte Muse“ auch schon mal im Hafen oder im alten Elbtunnel. „Das war der erste Schritt zum eigenen Theater“, bekennt der Hanseat mit westfälischen Wurzeln.

2004 kaufte er den Hamburger Engelsaal am Valentinskamp und küsste damit das im 18. Jahrhundert erbaute, mehrmals umgestaltete Haus mit der wechselvollen Geschichte aus seinem Dornröschenschlaf wach. Unter der Balustrade mit den goldenen Engeln ließ der Gütersloher gekonnt aufleben, was es dort seit gut 60 Jahren nicht mehr gegeben hatte: Volkstheater, Operette und musikalische Komödien. In 18 Eigenproduktionen – vom „Heimweh nach St. Pauli“ bis zum „Bettelstudent“, von der Revue „Das macht die Berliner Luft“ bis zum Pointen-Klassiker „Meister Anecker“ – inszeniert und spielt Karl-Heinz Wellerdiek mit seinem 30-köpfigen Ensemble (auf Honorarbasis), was gefällt. Allein „Wiener Blut“ stand 236 Mal auf dem Spielplan. „Und die Bude war immer voll.“ Die Auslastung von 92 Prozent spricht für sich. Nicht von ungefähr reden die Hamburger vom „ungekrönten König der leichten Muse“.

Genossen gesucht

Was ist Wellerdieks Erfolgsrezept? Wie gelingt ihm gute und vor allem publikumsträchtige Unterhaltung ohne ins Fahrwasser irgendwelcher dumpfer Tümelei zu geraten? „Leichte Kost zu servieren ist nicht schwer, wenn man sie leicht nimmt“, sagt der Prinzipal. Natürlich inszeniert und spielt er die Klassiker zeitgemäß. „Aber: Wir nehmen die Musik sehr ernst, bringen sie im Original. Damit erfüllen wir die Wiederkennungs-Sehnsucht des Publikums. Sie gibt den Menschen Identität. Und das brauchen sie.“

Kein Wunder, dass Wellerdiek expandieren und neben dem musiklastigen Engelsaal ein eigenes Volkstheater einrichten möchte. Um das zu finanzieren gründete er 2013 – ein Novum in Deutschland – eine Genossenschaft, in der jeder Anteile zeichnen kann. „Wir haben das Geld fast zusammen“, frohlockt der leidenschaftliche Theatermann.  Der 55-Jährige lebt seinen Traum von der künstlerischen Freiheit. „Lieber ein kleiner König, als ein großer Knecht.“ Das hat schon sein Opa gesagt. Da ist Karl-Heinz Wellerdiek eben doch Westfale.

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