Heimatbilder, die Fragen stellen
Bild: Pieper
Landschaftidylle und bauerliche Anwesen: Damit  begeisterte der Gütersloher Heimatmaler Otto Winkelsträter .
Bild: Pieper

Was ist mit all den Landschafts- und Heimatmalern jener Zeit? Sind sie Mitläufer eines menschenverachtenden Systems oder vielmehr Opfer des damaligen Zeitgeistes? Und: Welche Wertschätzung ihrer Arbeit ist heute (wieder) erlaubt? Der Blick in den Giftschrank deutscher Kunstgeschichte polarisiert. Entsprechende Diskussionen finden derzeit landauf, landab in vielen Museen statt. Ab Sonntag, 29. September, auch in Gütersloh.

Unter dem Titel „Heimatbilder“  beleuchtet die Galerie Siedenhans und Simon an der Kökerstraße gemeinsam mit dem Stadtmuseum Werk und Wirken der Gütersloher Maler Paul Westerfrölke (1886 – 1975) und Otto Winkelsträter (1901 – 1955). Initiiert wurde die Schau von  Manfred Brinker, ehemals Lehrer an der Bielefelder Carl-Severin-Schule, der durch vier geerbte Winkelsträter-Bilder auf das Thema stieß. Kuratiert wurde sie von der Rheda-Wiedenbrückerin Kunstpädagogin und VHS-Dozentin Stephanie Paschke.

„GDK Research“ war für sie der Schlüssel. Unter diesem Stichwort findet man im Internet eine bildbasierte Forschungsplattform zu den „Großen Deutschen Kunstausstellungen 1937 bis 1944 in München“. Dort sind sie alle verzeichnet, die Künstler, die mit ihren harmlos anmutenden Landschaftsbildern, den Genreszenen und Portraits, den Stillleben und Tierdarstellungen, den konservativ-akademischen Akten und glorifizierenden Historienbilder den Nazis zu gefallen wussten. Auch die beiden Gütersloher Heimatmaler Paul Westerfrölke und Otto Winkelsträter werden dort lobend und im Sinne eines bizarren NS-Kunstbegriffs als „vorbildlich“ geführt. „Aber das macht sie ebenso wenig wie Dürer, der auch in München gezeigt wurde, zu Nazi-Künstlern“, erteilt Paschke jedem Schubladendenken eine klare Absage.

  Landschaft als Ausdruck einer Sehnsucht

Rund 50 Arbeiten von Winkelsträter und Westerfrölke zeigt allein das Stadtmuseum – zum Teil dekorativ arrangiert um eine eigens kreierte Wohnidylle samt rotem Plüschsofa. In solch sprichwörtlich „guter Stube“ hingen und hängen sie bis heute: die üppigen Blumensträuße und prächtigen Bauernhöfe, die sonnenbeschienenen Stadtansichten und Blumenwiesen in Öl, die Winkel- sträter mit feinem Pinselstrich und wissenschaftlichem Blick fürs Detail zu malen wusste.

Vernissage: Sonntag, 29. September, 11.30 Uhr im Stadtmuseum Gütersloh, Kökerstraße 7 - 11; anschließend Führung durch die Ausstellung in der benachbarten Galerie Siedenhans und Simon, Kökerstraße 13.

Öffnungszeiten Galerie:

montags bis freitags 9.30 bis 18.30 Uhr, mittwochs 9.30 bis 13 Uhr, samstags 9.30 bis 16 Uhr

Öffnungszeiten Stadtmuseum:

mittwochs buis freitag 15 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr.

Die „Heimatbilder“ sind bis 12.Januar 2014 zu sehen.

Ganz anders, zeichnerischer durchstrukturiert und von oftmals expressiver Qualität erscheinen die Landschaften Westerfrölkes. Nahezu alle gezeigten Arbeiten – die unverkäuflichen reihen sich im Stadtmuseum. Die, die noch zu haben sind, präsentiert die Galerie Siedenhans und Simon – stammen aus Privatbesitz. Sie belegen, dass die beiden Maler vor und auch nach der NS-Zeit ihrem Stil treu waren: Landschaft galt ihnen als Ausdruck von Heimat. Macht sie das zu unpolitischen Neutren? Oder sind ihre Werke gerade deswegen (auch) politisch zu bewerten, weil sie – in altmeisterlicher Manier entrückt –, die Schrecken jener Zeit einfach ausblenden? Es sind solche Fragen, die die Doppelausstellung wirklich interessant machen. Dass Westerfrölke Mitglied der NSDAP war, ist bekannt. Weshalb aber ging er nicht konform mit dem Wüten gegen die sogenannte „entartete Kunst“. Warum lehnte er 1938 die lukrative Professur an der Münchener Kunstakademie ab? Mancher Blick ins Private der Künstler stimmt nachdenklich. Dass Winkelsträter, der anfangs seiner malerischen Karriere bereit war, Bilder für ein Butterbrot zu malen, 1941 aber stolze 1800 Reichsmark für das Auftragswerk „Brennerei Elmendorf“ verlangen konnte, zeigt seine große Akzeptanz in der Bevölkerung. Dass Reichsminister Martin Bormann zu seinen Kunden zählte, dafür konnte er nichts. Wie aber ertrug er die Anerkennung durch die Nazis, wenn er gleichzeitig befürchten musste, dass sein durch die Spätfolgen einer Kinderlähmung behinderter Sohn Opfer der braunen Schergen werden könnte? Es gibt noch viel zu klären.

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