Jazz-Bruderschaft in Geist und Klang
Bild: Klostermeier
Familienfest unter Jazzern: Joachim (links) und Rolf Kühn begeisterten im Theater Gütersloh an Klavier und Klarinette so sehr, dass sie mit stehenden Ovationen gefeiert wurden.
Bild: Klostermeier

Im Theater improvisierten sich die ungleichen Brüder an Klavier und Klarinette durch einen ganz und gar wunderbaren Konzertabend. Der ältere der beiden, Klarinettist Rolf Kühn, feierte vor wenigen Tagen seinen 88. Geburtstag. Er hat Ende der 1950er-Jahre in den USA noch in den Orchestern von Benny Goodman und Tommy Dorsey gespielt. Zurück in Deutschland widmete sich der gefragte Komponist und Bandleader zunehmend dem Free-Jazz und dem Jazzrock.

Der 73-jährige Joachim Kühn wurde zunächst als klassischer Pianist ausgebildet, fand aber unter dem Einfluss seines Bruders ebenfalls zum Jazz – wo er sich zu einem der größten, wenn nicht sogar zum größten deutschen Jazzmusiker entwickelte. So sah sich das Gütersloher Publikum einem Duo mit mehr als 100 Jahren Jazz-Erfahrung gegenüber.

 Zwei Brüder, die in ihrem Fach zwar alles gesehen und gespielt haben, aber immer noch eine zutiefst beeindruckende Lust auf neue musikalische Wege und aufs gemeinsame Improvisieren haben. „Unsere Musik ist jeden Tag anders“, erzählte Rolf Kühn dem andächtig lauschenden Publikum. „Wir haben zwar einen festen Rahmen, fliegen aber zwischendurch immer wieder davon.“ Und diese Solo-Flüge unterschieden sich bei den beiden Virtuosen deutlich, was dem Konzert weitere Spannungsmomente bescherte.

Während Rolf Kühn an der Klarinette mit sachlicher Klarheit zu Werke ging, agierte sein Bruder am Klavier wie ein brodelnder Vulkan: Jederzeit zum Ausbruch bereit. Da konnte es schon mal passieren, dass der Jüngere dem Älteren mit einem brachialen Doppelakkord in die Parade fuhr – was der gelassen lächelnd quittierte und mit einem knappen Klarinetten-Kommentar beantwortete. Erstklassig!

Überhaupt überließ Rolf Kühn häufig seinem „kleinen“ Bruder das improvisatorische Feld, was dieser mit wogendem Haupt und wehenden Haaren in beeindruckender Manier beackerte und dabei keine Taste seines Instruments unberührt ließ. Der Ältere pausierte derweil nur scheinbar und meldete sich an passender Stelle stets mit klugen Einwürfen zurück. So entstand trotz unterschiedlicher Spielanteile ein perfekt harmonierendes, gleichberechtigtes Duo. Man hätte ihnen noch eine halbe Ewigkeit zugehört, doch nach 90 Minuten war leider schon Schluss: Die beiden ließen sich vom restlos begeisterten Publikum mit stehenden Ovationen verabschieden.

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