Karriere machen will gelernt sein
Bild: Pieper
Die Jury der „Neuen Stimmen“: (v.l.) Pianist Helmut Deutsch, Brian Dickie, Dr. Gustav Kuhn, Wettbewerbs-Präsidentin Liz Mohn, Jury-Vorsitzender Dominique Meyer, Elisabeth Sobotka, Jürgen Kesting, Sophie de Lint und Evamaria Wieser.
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 Obwohl es entsprechende Abwerbungsversuche gegeben hat, war das Standortbekenntnis der Bertelsmann-Matriarchin bei der Pressekonferenz am Mittwochmorgen in der Stadthalle eindeutig.  „In den Metropolen gibt es mehr als genug Musikveranstaltungen. Hier in Gütersloh haben die jungen Sänger – intensiv betreut und beraten von Fachleuten – die Gelegenheit, ihre Mitstreiter und vor allem sich selbst besser kennenzulernen.“ Da ist sich die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung mit den Mitgliedern der Jury unter Vorsitz von Dominique Meyer, Direktor der Wiener Staatsoper, einig.

Was nicht heißen soll, dass der seit 30 Jahren bestehende Wettbewerb sich nicht weiter entwickeln wird. Im Gegenteil. Es gilt, den wachsenden globalen und digitalen Anforderungen nicht nur gerecht zu werden, sondern sie auch wegweisend zu strukturieren. Da wird das Motto „Creating Careers“ zum ambitionierten Allround-Programm – über jede tradierte Musikhochschulausbildung hinweg. „Nach einem Diplom haben wir ohnehin noch nie gefragt“, sagt Meyer.

 „Als wir vor 30 Jahren begannen, war der Sänger nur ein Stimmbesitzer. Heute muss er sein eigener Unternehmer und Selbstvermarkter sein“, bringt es Dr. Gustav Kuhn als künstlerischer Leiter auf den Punkt. Eine Homepage, professionelle Fotos und Filmaufnahmen von Auftritten bei den „Neuen Stimmen“ als You-Tube-Video seien mittlerweile unverzichtbare Visitenkarten für die digitale Musikwelt. „Darauf springen die Intendanten an“, bestätigte Brian Dickie, ehemaliger Generaldirektor des Chicagoer Opera Theatre und langjähriger Talentscout der Vorrunden.

Wichtig, so Evamaria Wieser Betriebsdirektorin der Salzburger Festspiele, sei auch die Sprache. „Sich richtig auszudrücken, ist nicht nur im Alltag entscheidend. Die schönsten Töne nützen nichts, wenn es einer Arie an passender Interpretation mangelt. Die Callas wusste das.“ Dass es im Gegensatz zu früher mittlerweile ein Übermaß an vorzüglichen Stimmen gibt, mache den Wettbewerb keineswegs überflüssig. Im Gegenteil. „Mit arriviert-guten Sängern zu arbeiten, ist keine Kunst“, gesteht Meyer. „Was uns antreibt, ist, die neuen Großen zu finden.“

Und Musikkritiker Jürgen Kesting macht parallel zur Entwicklung des Wettbewerbs einen weiteren Paradigmenwechsel und damit ein Mehr im Repertoire aus: Wer habe vor 1985 schon eine lupenreine Händel-Arie singen können, ohne dass es sich wie „das Brummen einer Hummel“ angehört habe? „Heute gibt es wieder genug Sänger, Countertenöre wie Soprane, die barocke Musik im Original stemmen können.“

 

Neue Weiterbildungsprogramme in Kooperation mit den Musikhochschulen

Wie ernst es den Machern der „Neuen Stimmen“ mit dem Anspruch „Creating Careers“ ist, zeigt eine Studie, die die Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegeben hat, um erstmals valide Zahlen zur Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation junger Sänger zu bekommen. Laut Helmut Seidenbusch, Leiter des Bereichs „Musikalische Förderung“, und seiner Kollegin Dorothea Gregor geht es darum, herauszufinden, ob der heutige Ausbildungskanon der Hochschulen überhaupt noch zielführend ist. Und welche Einsatzmöglichkeiten es auch außerhalb der tradierten musikalischen Betriebsfelder – beispielsweise im Chor, in der Musikvermittlung und -lehre – für Sänger geben kann.

„Das Ensembletheater ist ein Auslaufmodell“, attestiert Gregor. „Zudem wird die finanzielle Ausstattung der subventionierten Theater immer enger.“ Seidenbusch, früher selbst Konzert- und Opernsänger, erfahren als Künstleragent, Kulturmanager und Ausbildungsmanager beim Bonner Beethovenfest, ergänzt: „Es gibt zunehmend projektorientierte Inszenierungen, für die die Protagonisten auf dem freien Markt eingekauft werden. Darauf müssen sich die Sänger heute verstärkt einstellen. Das bedarf eines guten Netzwerks und effektiver Karriereplanung.“

Schon jetzt wird daher in Kooperation mit dem Mozarteum Salzburg sowie den Musikhochschulen in Hamburg, Berlin und Lübeck ein Weiterbildungsprogramm zur Selbstvermarktung entwickelt, in das die Ergebnisse der Studie einfließen werden. Es soll ab 2018/19 als frei zugänglicher Online-Kursus – vorerst nur – im deutschsprachigen Raum zur Verfügung stehen. „Inwieweit andere Hochschulen darauf reagieren, welche Lösungsmodelle sie daraus für sich entwickeln und ob vielleicht sogar ein Transfer auf andere Bereiche erfolgt, bleibt abzuwarten“, sagt Seidenbusch, der das Angebot als komplimentär verstanden wissen will. Sicher ist, dass das Ergebnis der Studie auch Einfluss auf die zukünftigen Fördermodalitäten des Wettbewerbs „Neue Stimmen“ haben wird. Wie sagte doch Liz Mohn? „Man kommt nur auf den Berg, wenn man fleißig ist.“

Den kompletten Bericht mit Statements von Elisabeth Sobotka, Intendantin der Bregenzer Festspiele, und Sophie de Lint, Leiterin des Opernhaus Zürich und designierte Direktorin der Nationaloper Amsterdam lesen Sie in der „Glocke“ vom 12. Oktober.

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