Knabenchor ist auf der Berlinale zu sehen
Bild: Pieper
Eingeladen zur Berlinale: Sigmund Bothmann wird bei der Deutschlandpremiere des Films „Colonia Dignidad“ über die von Paul Schäfer installierte Sekte in Chile dabei sein. In dem Politdrama von Florian Gallenberger spielen 24 Jungen des Knabenchors Gütersloh mit.
Bild: Pieper

An dem Wochenende im Herbst 2014, an dem sie in Bayern vor der Kamera standen, war Harry Potters beste Freundin nicht am Set gewesen. Sehr zum Bedauern der Jungen, die sich sogar die Haare militärisch kurz hatten schneiden lassen - nur um in die Filmgeschichte zu passen. Aber was tut man nicht alles, um an der Seite vom Emma Watson zu spielen?

Mit „Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück“ bringt der oscarprämierte Regisseur Florian Gallenberger jene religiös-faschistische Enklave deutscher Auswanderer auf die Leinwand, die der Nazi-Scherge und pädophile Priester Paul Schäfer (gespielt von Michel Nyquist) in den 60er-Jahren in Chile als Staat im Staat installierte. Psychoterror, Missbrauch und Folter waren dort an der Tagesordnung.

Starker Tobak für die 9- bis 13-jährigen Gütersloher – selbst wenn sie nur für eine Szene gebucht waren: Sie stehen in der Gemeinschaftsdusche (mit Badehose), als Dignidad-Chef Schäfer hereinkommt und sich von ihnen ein Ständchen bringen lässt – ehe er seine Auswahl trifft. Die Szene zeigt keinen Missbrauch, aber sie impliziert ihn.

Damit sich die Knaben nicht nur gesanglich, sondern auch mental gefestigt darauf einlassen konnten, waren vorab die Eltern in das Filmprojekt mit eingebunden worden und  die Theaterwerkstatt Osnabrück hatten ihnen mit dem Stück „Mein Körper gehört mir“ Aufklärung gegen Missbrauch geboten.

Gesungen wurde bei den Dreharbeiten die englische Version von „Oh, Haupt voll Blut und Wunden“ sowie ein Choral. In der englischsprachigen Originalfassung ist der Knabenchor Gütersloh auch zu hören. In der deutschen Synchronfassung aber nicht mehr. „Als die im vergangenen Herbst erstellt wurde, konnten wir wegen anderer Verpflichtungen nicht ins Synchronstudio fahren“, bedauert Bothmann. Ein Berliner Chor „leiht“ den Güterslohern nun die Stimmen.

Am liebsten würden natürlich alle 30 Chorknaben mit nach Berlin fahren. Einmal im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz zwischen all den Prominenten zu stehen, das hätte schon was. Aber: „Der Film ist erst ab 16 Jahren freigegeben“, sagt Sigmund Bothmann. Er wird auf seiner Reise von Susanne Mellewigt und Barbara Luda begleitet, deren Söhne Finn und Cuno im Film mitspielen. Sie gehörten zu jenen 24 Jungen, die von den Produktionsfirmen Majestic (Berlin) und Iris (Luxemburger) ausgewählt worden waren. Gefragt waren „deutsch aussehende Jungen ohne Zahnspangen“. Denn die gab es in den 70er-Jahren noch nicht in Chile.

 

Hintergrund:

Neun Jahre nach seinem letzten Film „John Rabe“, bringt Regisseur Florian Gallenberger „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ in die Kinos. Fünf Jahre recherchierte er für dieses Politdrama, das auf wahren Begebenheiten basiert: 1973 führte General Augusto Pinochet in Chile einen Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende durch und reagierte fortan mit eiserner Faust das Land. Missliebige Kritiker ließ der Diktator gefangen nehmen, foltern und ermorden – auch in den Kellern der Colonia Dignidad.

Deren Gründer und Führer war der wegen Missbrauchs in Deutschland gesuchte Paul Schäfer. Mit Druck und Gewalt installierte er in Chile eine Sekte, die bei den Machthabern hohes Ansehen genoss – und deren Opfer in die Hunderte gehen.

Ursprünglich sollte Ulrich Tukur die Rolle des Paul Schäfer übernehmen, musste aber aus Termingründen absagen. Nun spielt Michael Nyquist („Verblendung“) den Sektenführer. Seine Gegenspielerin ist Emma Watson, die damit einmal mehr versucht, von ihrem Dauerimage als Harry Potters clevere Freundin Hermine loszukommen. Sie spielt die Lena, die in der Colonia nach ihrem von der chilenischen Geheimpolizei verschleppten Freund Daniel (Daniel Brühl) sucht.

Den kompletten Bericht einschließlich erster Filmkritiken lesen Sie in der Gütersloher “Glocke“ vom 4. Februar.

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