Claas treibt digitalen Wandel voran
Bilder: Duibmann
Mit einer Brille für virtuelle Realität erkundet Andreas Hoffmann das Innere eines Traktorenmotors.
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In einem ehemaligen Autohaus, nur wenige Meter von der Harsewinkeler Firmenzentrale entfernt, entwickeln junge Tüftler Lösungen für die Herausforderungen einer zunehmend digitaleren Landwirtschaft. „Die Geschwindigkeit, mit der sich die Agrartechnik ändert, nimmt rasant zu“, sagt Technologiechef Thomas Böck am Dienstag beim Presserundgang durch die Mietimmobilie. Dabei erfasst der digitale Wandel, so Böck, nicht nur bei Claas selbst jeden einzelnen Schritt – von der Entwicklung einer Erntemaschine bis zu deren Verkauf –, „sondern er vernetzt uns als Hersteller mit Entwicklungspartnern, Softwarelieferanten, Forschungsinstituten und Kunden“.

Dieser Austausch über mehrere Branchen und Disziplinen hinweg erfordert neue Formen der Zusammenarbeit – „und eben auch neue Räume“, betont Philip Vospeter als Hausherr und Leiter des Digitalisierungsteams. So zieren im „Greenhouse“ mit seiner offenen Architektur Tech-Graffitis die Wände. Durch die Glasfront fällt zudem reichlich Tageslicht auf die mobilen und mit allerlei Büro-Elektronik bestückten Arbeitsinseln.

Visionen für Konstruktionssystem der Zukunft entstehen in Harsewinkel

Fahrbare Monitore, eine Arena mit Holztribüne und bunten Sitzkissen, kostenloser Kaffee und der Tischkicker schaffen die Atmosphäre für ein Denken ohne Tabus und Zwänge. „Das kommt bei den Kreativen gut an“, berichtet Konzernvorstand Böck. An Tischen aus Holzbrettern und Metallrahmen, als teambildende Maßnahme von den künftigen Nutzern im Eigenbau erstellt, kommen Claas-Fachleute mit Freiberuflern, Start-ups und digitalen Nomaden zu Arbeitstreffen zusammen – teils für Tage, teils über Wochen. „Entwickelt werden etwa Visionen für Konstruktionssysteme der Zukunft“, gewährt Vospeter Einblick in die Arbeit seiner Abteilung.

Diese rückt den Kunden in den Mittelpunkt. „Wir fokussieren uns zunächst nur auf eines seiner Probleme und präsentieren ihm dann die beste Lösung dafür“, sagt Projekt-Koordinatorin Jennifer Kotula. Das Scheitern einer Idee sei laut Böck nicht verpönt, ein Neuanfang finanziell gut verkraftbar. Grenzen kennen die Kreativen dabei nicht, weder zeitlich noch bei den Methoden: Um ihre Innovationen vor Augen zu führen, gehören Rollenspiele ebenso zum Repertoire wie die programmierbaren Roboter eines dänischen Spielzeugherstellers.

Dank virtueller Realität tauchen Techniker ins Innere des Motors ein

Motoren und Getriebe von Landmaschinen sind komplexe Komponenten mit tausenden von Einzelteilen. Diese am Computer entworfenen Herzstücke etwa eines Traktors am Bildschirm zu visualisieren, erforderte noch vor wenigen Jahren Rechner im Wert von „drei Millionen Euro“, blickt Nico Michels, Leiter der digitalen Produktentwicklung bei Claas, zurück.

Heute macht sich das Unternehmen im „Greenhouse“ die Technik der Spiele-Industrie zunutze: Leistungsstarke PCs und Grafikkarten ermöglichen es den Entwicklern, mithilfe einer Virtual-Reality-Brille bis in die Tiefen eines Motors oder Getriebes einzutauchen. „Das System kostet keine 6000 Euro“, rechnet Michels vor. Ingenieure in Harsewinkel und im Traktorenwerk in Le Mans (Frankreich) arbeiten damit nun virtuell Hand in Hand, in Echtzeit und ohne Reisekosten.

Wie sich Claas in Harsewinkel den 3D-Druck zunutze macht, lesen Sie in der gedruckten Ausgabe der Glocke vom Mittwoch, 8. November 2017.

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