Bei Ernte sind auch die Kinder gefragt
Archivbild: Heckemeier
Für die Mädchen und Jungen war ein Kartoffelsuchtag stets ein besonderes Ereignis. Denn außer der Ernte gab es auch deftige oder süße Leckereien, die bei der Kaffeepause serviert wurden.
Archivbild: Heckemeier

War das Kartoffelkraut auf den Feldern zusammengefallen und vertrocknet, wurden die Knollen geerntet. Auf den kleinen Höfen und Kotten Langenbergs hob die Landbevölkerung das Nachtschattengewächs zum Teil mit der einfachen Forke aus dem Erdreich und warf dieses auseinander. Die Kinder sammelten die Früchte anschließend in Weidenkörben. Welche kraftsparende Erleichterung bedeutete es dann, als mit dem Pflug jeweils eine ganze Reihe offengelegt und diese anschließend mit der Forke zum Auflesen auf dem Acker verteilt werden konnte.

„Willkommener Anlass, etwas Geld zu verdienen“

Antonius Handing, Heimatvereinsvorsitzender in Benteler, erinnert sich noch gut an die damalige Zeit. Einen riesigen Schritt nach vorn auf dem Gebiet der Ernte habe die Landwirtschaft getan, als der einfache Roder auf den Markt kam. „Zwei Pferde zogen ab da einen Pflug, der die Reihe Kartoffeln vor einen sich drehenden Forkenpropeller beförderte. Dieser schleuderte sie danach zum Einsammeln auseinander.“ Jeweils zwei Kinder suchten einen Abschnitt von etwa 20 Metern Länge ab und luden die Knollen auf einen Wagen. Der Bauer bestellte die Kartoffelsucher bereits eine gute Zeit vorher und die Besitzer von größeren Höfen gleich für mehrere Tage.

„Für uns Kinder war es stets ein willkommener Anlass, etwas Geld zu verdienen, denn Taschengeld gab es damals noch nicht“, blickt Handing zurück. Die so erworbenen Münzen habe man für Wünsche gespart, die sonst nicht erfüllt werden konnten. Er selbst sei als Steppke die meiste Zeit auf dem Hof Schienstock als Kartoffelsucher dabeigewesen, berichtet der Heimatfreund. Ein Herz für die Landwirtschaft habe in diesem speziellen Fall Lehrer Josef Schmidt gehabt: „Der gab uns Kindern auch außerhalb der Ferien frei, um die Kartoffeln aufzusammeln.“

Kartoffelsuchtag stets besonderes Ereignis

Ein Kartoffelsuchtag war für die Mädchen und Jungen stets ein besonderes Ereignis. Sie freuten sich auf die Kaffeepause, denn dann gab es deftige Butterbrote oder – bei besonders spendablen Bauern – Streuselkuchen zu essen. Ging der Tag zur Neige, war es für sie stets ein „heißes Vergnügen“, das Kartoffelkraut in großen Haufen gestapelt anzuzünden. In der Glut schmorten frische Knollen und der Rauch lag wie Nebel über den Äckern. Später wurden die schweren Wagen mit zentnerweise Erdäpfeln von Pferden zur Scheune gefahren, um dort zunächst zu lagern.

Die Zeit bis zum Abendbrot vertrieben sich die Mädchen und Jungen gern damit, ihrem Spieltrieb nachzugehen. Fangen und Verstecken waren unter ihnen besonders beliebt, denn auf Langenbergs Bauernhöfen gab es sagenhaft viele Möglichkeiten, fix zu „verschwinden“.Der Abschluss eines Kartoffelsuchtags erfolgte in der Regel am großen Tisch in der Küche. In vielen Fällen gab es Reibeplätzchen aus frischen Kartoffeln, und die Erntehelfer langten kräftig zu. Zwischen den Jungen gab es oft ein regelrechtes Wettessen, wer die meisten Puffer vertilgen konnte. Bauchschmerzen waren nicht selten die Folge einer solchen Völlerei.

Auslieferung bildet mühsames Unterfangen

Mit der Kartoffelsuche war es allerdings noch nicht getan, denn der in der Scheune gelagerte Ernteerfolg musste in tagelanger Arbeit sortiert und in Säcke für den Verkauf verpackt oder in einer Mietscheune für den Winter eingelagert werden. Kleine und beschädigte Knollen bekamen die Borstenviecher gekocht zu fressen. Viele Landwirte vermarkteten die Kartoffeln eigenständig und brachten sie mit Pferd und Wagen über viele Kilometer in die nächste Stadt, um ihre Stammkundschaft zu beliefern.

Bei dem einen Kunden waren es zwei, beim nächste vier, sechs oder bei einer Großfamilie bis zu 15 Zentner des bedeutenden Lebensmittels für den Winter. Das Nachtschattengewächs wurde vom Landwirt auf dem Rücken in den Vorratskeller getragen. So gab es außer der Bezahlung zusätzlich einen schmerzenden Rücken. Bereits nach wenigen Tagen stand für den Bauern erneut eine wichtige Arbeit an: Er musste den Acker für die Winterfrucht vorbereiten. Die Kinder bevölkerten also einmal mehr das Feld, um die bei der Ernte nicht gesehenen Kartoffeln einzusammeln. Sie waren teilweise bereits durch den Sonneneinfall grün geworden und nur noch als Viehfutter zu verwenden.

Zubereitung hat sich kaum verändert

Die Kartoffel gehört erst seit dem 18. Jahrhundert zum Speiseplan der Deutschen – obwohl sie bereits im 16. Jahrhundert von Südamerika nach Europa gebracht worden war. Umso erstaunlicher ist es, in welch kurzer Zeit das Nachtschattengewächs Kochtopf und Bratpfanne der Köche erobert hat. So ist es mittlerweile kaum noch vorstellbar, dass unsere Vorfahren ohne die vielfältigen Gerichte, die heute auf fast allen Tischen dampfen, auskommen mussten. Heute werden die Speiseknollen vollautomatisch geerntet, sortiert und verpackt. Aber gegessen werden sie immer noch auf ganz ähnliche Art wie vor 100 Jahren und mehr. Die dörfliche Romantik des Kartoffelsuchens für die Kinder ist dabei allerdings auf der Strecke geblieben.

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