Beim Karaoke-Lesen Bücher entdecken
Bild: Bartels
„Welcher Titel soll gelesen werden?“ Das möchte Schauspieler Frank Sommer von den Achtklässlern des Ratsgymnasiums wissen. Er war in der Stadtbibliothek in Wiedenbrück zu Gast. Hinter ihm warten Phil (13), Justin (13) und Marius (14) auf ihren Einsatz (v. l.).
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Nach ein paar Zeilen übergibt er das Zepter an die Schüler Phil, Justin und Marius. Karaoke-Lesen nennt der Schauspieler sein Konzept, mit dem er quer durch die Republik tourt. Zum siebten Mal war Sommer jüngst in der Doppelstadt an der Ems zu Gast. Die ersten beiden Male diente die Aula des Ratsgymnasiums als Veranstaltungsort. „Der Lesebegriff hat sich gewandelt“, erläutert Sommer die Idee hinter dem Projekt. „Lesen ist nicht nur das einsame Sitzen vor einem Buch. Es findet auch gemeinschaftlich statt – gerade mit den neuen Medien.“

Auswahl bestimmen die Schüler

Dementsprechend hockt auch niemand allein vor einem großen Wälzer. In zwei Blöcken sitzt das Publikum vor einer provisorischen Bühne. In Dreiergruppen kommen die Schüler nach vorn, setzen sich auf ein Sofa und lesen von einem Laptop ab. Die Auswahl der Bücher bestimmen die Schüler – denkbar einfach – selbst: Frank Sommer präsentiert eine Auswahl an Titeln und die Gymnasiasten stimmen per Applaus ab. Der Roman, auf den es die lautstärkste Resonanz gibt, wird genommen. Der Geschmack der Schüler sei dabei, so die Erfahrung Sommers, immer sehr ähnlich. Egal, ob es ein 5000-Seelen-Dorf ist oder Berlin“, verrät er. Bücher über Themen wie die erste Liebe oder Schule seien besonders beliebt, berichtet er. „Weil es Geschichten sind, die die Jugendlichen nachvollziehen können.“

Der gelernte Schauspieler selbst gehe an jede Veranstaltung offen heran. Ob ein Zuschauer etwas vorlesen möchte oder nicht, sei ihm selbst überlassen. Ursprünglich war ein Vorlesen durch das Publikum nicht einmal geplant gewesen, erinnert sich Sommer. „Irgendwann ist ein Junge aus der ersten Reihe aufgestanden, hat mir das Buch aus der Hand gerissen und gesagt: ,Ab hier mache ich weiter’.“ Für ihn sei es ein Gefühl der Bestätigung gewesen. „Da wusste ich, dass ich alles erreicht hatte.“ Nicht spezielle Buchtitel, sondern das Lesen an sich ist es, was Sommer vermitteln will. Angefangen hat er mit seiner Lektürearbeit 1990 durch Zufall. Ein Buchhändler sah den Schauspieler im Theater und unterbreitete ihm das Angebot, in seinem Geschäft eine Lesung zu veranstalten. Sommer akzeptierte. Eine Weile las er in Museen und Buchhandlungen. Seit 1999 organisiert seine eigene Agentur, Eventilator, die Veranstaltungen. Fragt man ihn nach seiner Berufsbezeichnung antwortet er: „Lesepädagoge.“

Bibliothek bietet mehr als Ausleihe

Die Bibliothek ist ein wichtiger Platz der Öffentlichkeit – nicht nur beim Karaoke-Lesen. Sie sei mehr als eine Einrichtung, die lediglich Bücher verleihe, erklärt Eva Krüger, in der Bücherei in Wiedenbrück tätig als Lektorin für Kinder- und Jugendbücher. Sie sei „ein Ort zum gemeinsamen Lernen und Arbeiten. Neutralität und ein kostenloser Zugang zeichnen ihn aus“, berichtet sie. Ihrer Erfahrung nach ist der digitale Wandel, den die Medien derzeit durchlaufen in der Bibliothek deutlich zu spüren.

Etwa daran, dass Filme und Spiele Einzug in das Sortiment gehalten haben. „Das wichtigste für unsere Besucher ist jedoch freies W-LAN“, weiß Annette Deitert vom Informationsdienst. In den Augen der Angestellten der Einrichtung würden die reinen Ausleihzahlen der Bücher dementsprechend wenig über das eigentliche Nutzungsverhalten der Besucher widergeben. „Das muss den Entscheidern in der Verwaltung deutlich gemacht werden“, ergänzt Frank Sommer, Veranstalter des Karaoke-Lesens. Eine Bibliothek sei heutzutage vielmehr ein Arbeitsplatz und ein Treffpunkt anstatt bloß eine Ausleihstation.

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