Ein Mann wie eine Naturgewalt
Bild: Vredenburg
Oft geübte Pose: Für Pressefotos bestellte Schauspieler Ben Becker die Fotografen eineinhalb Stunden vor Veranstaltungsbeginn in das Rietberger Rundtheater ein.
Bild: Vredenburg

Als Becker mit rauchiger, spitzer und bisweilen bassgrollender Stimme den „Erlkönig“ von Johann Wolfgang von Goethe inszeniert – von dem Pianisten bravourös eingeleitet mit dem Procol-Harum-Klassiker „A Salty Dog“ – beschleicht den einen oder anderen im ansonsten mucksmäuschenstillen Saal das erste wohlige Schaudern.

Mit dem „Heideknaben“ von Friedrich Hebbel entführt Becker sein andächtig lauschendes Publikum in eine nebelige, gespenstische Landschaft, in der der Knabe – „alles so still, und alles so stumm, man sieht sich umsonst nach Lebendigem um“ – auf dramatische Weise sein Leben lässt. „Grausam, oder?“, fragt Becker und wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. „Diesen furchtbaren Anfang habe ich mir ausgedacht, um Sie in Stimmung zu bringen“, frotzelt das Enfant terrible der deutschen Schauspiel-Szene, um gleich darauf „dieses sehr schöne Shakespeare-Theater“ zu loben, das von außen wie ein Blechcontainer wirke. „Innen aber: Halleluja.“

Für Goethes „Zauberlehrling“ („Der für mich anstrengendste Teil des heutigen Abends“) stülpt sich der Vollblutdarsteller einen abgewetzten Zauberhut „aus 100 Prozent Perlon“ auf den rotblonden Schopf. Mit diesem Werk, das Becker ebenfalls mit großer Erzählkraft präsentiert, habe „der Herr Goethe auch mal etwas Unterhaltsames geschrieben – um sich nicht zu langweilen“.

Heinrich Heine ist für den eigenwilligen Künstler, der sich das Fotografieren während der Veranstaltung auserbeten hatte, einer der ersten Kommunisten überhaupt. Die Klavieruntermalung zu dem „etwas progressiven“ Gedicht „Belsazar“ lässt Becker daher in Brechts Einheitsfrontlied münden – um danach direkt überzuleiten in Friedrich Schillers „Handschuh“ um das liebreizende Fräulein Kunigunde und Ritter Delorges, der sich nicht kaufen lässt. Das klappt aber nicht so, wie angeblich gedacht. Der Spitzbube mit der Energie einer Naturgewalt wirft den Zuschauern vor, den Übergang durch Applaus „vermasselt“ zu haben.

Die Ballade „Ritter Olaf“ aus der Feder von Heinrich Heine verkörpert Ben Becker wenig später so intensiv, dass die Zuschauer in die betroffene Totenstille am Ende kaum zu applaudieren wagen.

Mit der finsteren Ballade „Die Goldgräber“ von Emanuel Geibe verlässt Becker das Reich der Jungfrauen, Edelmänner und königstreuen Ritter, um „für die Herren“ langsam aber zielsicher ins Land der Seefahrer und Abenteurer zu schippern und Werke wie Christof Meckels Gedicht „Es lässt sich leben im Wal“ zu rezitieren. Mit Rio Reisers „Übers Meer“ wagt Becker sich schließlich an den Gesang. Das Publikum bedankt sich mit stehenden Ovationen.  

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