Honermann: Agnes Miegel gerecht beurteilen
Bild: Otto
Wegen ihres umstrittenen Verhältnisses zum Nationalsozialismus steht auch Agnes Miegel auf der Prüfliste der Straßennamen in Ahlen.
Bild: Otto

Die 9. März 1879 in Königsberg geborene und vielfach ausgezeichnete Dichterin – von ihren Landsleuten liebevoll „Mutter Ostpreußen“ genannt – habe dem braunen Regime unkritisch gegenübergestanden, werfen Historiker ihr vor. Hermann Honermann, langjähriger Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinde St. Pankratius, nimmt Stellung zur Meinungsbildung bei den Politikern. „Ich möchte alle, die sich mit diesem Thema befassen, bitten, sich in die Situation der Menschen in Nazideutschland zu versetzen“, heißt es in einem Brief Honermanns an Bürgermeister Benedikt Ruhmöller als Ratsvorsitzenden.

Sachliche Auseinandersetzung gefordert

Honermann, dessen Familie und er selbst als Kind unliebsame Begegnungen mit den damaligen Machthabern und dem System hatten, plädiert für eine sachliche Auseinandersetzung und spricht sich gegen eine „Diffamierung“ der Dichterin durch Streichung des Straßennamens aus. „Ich verlange ein gerechtes Urteil über die Menschen von damals“, fordert Hermann Honermann. Jeder Straffällige habe ein Recht auf Verteidigung, fährt er fort. Hingegen würde (nicht nur) Agnes Miegel, die sich unter anderem für die Versöhnung eingesetzt habe, posthum genau dieses Recht verweigert.

Die meisten Deutschen sind auf „den Wolf im Schafspelz“ hereingefallen

Heute befänden Menschen, die den Nationalsozialismus nicht erlebt hätten, über Menschen, die sich mit der Situation seinerzeit hätten arrangieren müssen, so Honermann. Agnes Miegel sei wie die meisten Deutschen auch auf „den Wolf im Schafspelz“ (gemeint ist Adolf Hitler, d. Red.) hereingefallen. Und weiter: „Viele von denen, die heute über die Menschen von damals urteilen, wären wahrscheinlich ebenso auf die Lügenpropaganda hereingefallen.“ Sie hätten sich mit hoher Wahrscheinlichkeit dem System gebeugt, um das eigene und das Überleben ihrer Familien zu sichern. Und das auch dann, wenn sie im Herzen anders gedacht haben.

Dichterin erhielt viele Auszeichnungen

Agnes Miegel ist Trägerin des Kleistpreises (1916) und des Goethepreises der Stadt Frankfurt am Main (1940), seit 1954 auch Ehrenbürgerin von Bad Nenndorf sowie auch heute noch Ehrenbürgerin von Königsberg in Ostpreußen. Nach 1945 schrieb Agnes Miegel zu ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus: „Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemand sonst.“

SOCIAL BOOKMARKS