Ärzte fordern, Patientenwohl mehr zu sehen
Mit Dr. Michael Weber, Dr. Thomas Dorsel, Dr. Wolfram Völker und Dr. Wilhelm Haverkamp (v.l.) sowie Dr. Ali Yilmaz informierten beim 19. Warendorfer kardiologischen Symposium namhafte Referenten die Ärzteschaft, Klinikmitarbeiter und Studierende.

 In Zusammenarbeit mit der Akademie für medizinische Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe und dem Josephs-Hospital referierten Professor Dr. Ali Yilmaz zum Thema „CT, MRT, Angiographie – Bildgebung in der Kardiologie“, Professor Dr. Wolfram Völker zum Thema „Herzinsuffizienz - Diagnostik und Therapie heute“ und Professor Dr. Wilhelm Haverkamp zum Thema „Arzneistoffe zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen“.

 Am Beginn stand jedoch mit dem Referat zum Thema „Ökonomisierung der Medizin – Gesundheitspolitik heute“ ein komplexes allgemeingesellschaftliches Problem, das der Leitende Krankenhausarzt Dr. Michael Weber aus Dachau kritisch beleuchtete. „Der Respekt vor dem kranken Menschen muss im Mittelpunkt unseres Handelns stehen, so wie das auch bei der Vollversammlung des Weltärztebundes im vergangenen Monat in Chicago in der überarbeiteten Fassung des ‚Genfer Gelöbnisses’ beschlossen wurde“, führte Dr. Dorsel in die Fortbildungsveranstaltung ein. Doch da stehe oftmals die Ökonomisierung der Medizin im Wege.

„Schuld an allem ist Horst Seehofer“, begann Dr. Weber seine Ausführungen, denn dieser habe als Bundesgesundheitsminister mit dem Gesundheitsstrukturgesetz 1993 die Budgetierung in die medizinische Arbeit eingeführt. „Die Finanzen wurden knapper, die Verluste mancher Krankenhäuser groß.“ Dies sei der (Miss-)Erfolg dieser Regelung gewesen. So gelte es mehr denn je, das Patientenwohl als ethische Grundlage für die medizinische Arbeit zu sehen – „so wie das der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme vom 5. April 2016 auch fordert“.

Alsdann folgte ein Parforceritt durch die gesamte Problematik, die letztendlich durch die Gegensätze „Kosten für gute medizinische Arbeit“ und „Gewinnmaximierung im Krankenhauses durch das Management“ gekennzeichnet sei. Wertschöpfung sei nun mal das zentrale Ziel jeder unternehmerischen Tätigkeit, doch das dürfe nicht zu Lasten der Qualität der medizinischen Arbeit gehen. „Dazu kommt, dass ein Arzt unabhängig und nicht weisungsgebunden ist. Eigentlich. Denn sagen Sie das einmal dem Geschäftsführer einer Klinik, wenn der von Ihnen Kosteneinsparungen verlangt.“

„Fast alle Ärzte erleben den ökonomischen Druck als eine Bedrohung ihrer ethischen Grundsätze“, erklärte Dr. Weber auf dem Warendorfer kardiologischen Symposium und ließ kein gutes Haar an einer besonderen Spezies der Krankenhaus-Manager: „Viele Bosse treten so autoritär und grob auf wie eh und je; nur 35 von 267 Krankenhaus-Managern pflegen einen integrierten Führungsstil. Ein Drittel der Geschäftsführer sind harte Hunde, oftmals Aufsteiger unter 44 Jahren und halten ethische Richtlinien im globalen Wettbewerb für unrealistisch. Zudem besteht bei den Krankenhaus-Managern eine hohe Fluktuation, sie sitzen oftmals auf einem Schleuderstuhl“, krititsierte Dr. Weber.

Zusammenfassend sei festzustellen, dass sich die Gesundheitspolitik in Deutschland auf einem falschen Weg befinde: „Ökonomische Vorgaben dürfen nicht Vorrang vor medizinischen Notwendigkeiten haben. Zudem ersticken wir in einer Regulierungsflut und werden mit dem ‚Hamsterrad’ der Ökonomisierung und der Qualitätssicherung in unserer Arbeit behindert. Die Ökonomie muss wieder der Patientenversorgung dienen und nicht umgekehrt“, schloss Dr. Weber seinen vielbeachteten Vortrag. Auf Nachfrage meinte er, dass er die Hoffnung auf eine richtige Weichenstellung in der Gesundheitspolitik noch nicht aufgegeben habe, „aber da sind noch dicke Bretter zu bohren!“

 

SOCIAL BOOKMARKS