Ein bewegender Abschied vom Marathon
Bild: Diekmann
Emotionales Ende eines emotionalen Laufs: Umringt von seiner Familie und vielen Freunden vom Lauftreff der Warendorfer SU, die ihn die gesamten 42,195 Kilometer im Rollstuhl schoben, sitzt ALS-Patient Steffen Auerwald (Mitte) aus Freckenhorst im Zielbereich des Münster-Marathons.
Bild: Diekmann

Seine Frau Kerstin steht neben ihm, auch seine Töchter Victoria und Franziska sind dabei. Gemeinsam nehmen sie die vielen Eindrücke auf, schütteln Hände, bedanken sich für die Unterstützung.

Der gestrige Tag war ohne Frage ein ganz besonderer für Steffen Auerswald. Der 49-jährige Freckenhorster war ein leidenschaftlicher Läufer, absolvierte mehr als 30 Marathons (Bestzeit 2:42 Stunden), zehn Mal startete er in Münster.

Diagnose ALS kommt Anfang des Jahres 

Dann, Anfang des Jahres, erhielt er die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Die unheilbare Erkrankung greift das motorische Nervensystem an und führt zu Lähmungen. Auerswald kann schon lange nicht mehr laufen, „die Kraft im linken Arm lässt extrem nach, mit rechts kann ich nichts mehr machen. Ich bin komplett auf fremde Hilfe angewiesen“.
Gestern erfüllten ihm seine Freunde und Weggefährten vom Lauftreff der Warendorfer SU den Wunsch, noch einmal am Münster-Marathon teilzunehmen. In einem speziellen Rollstuhl schoben sie ihn abwechselnd vom Start bis ins Ziel, alle trugen ein T-Shirt mit der Aufschrift „Stoppt ALS“.

Aufmerksamkeit für Krankheit wecken 

„Es geht auch darum, dass wir auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam machen wollen. Die Pharma-Industrie steckt nur wenig Geld in die Erforschung möglicher Behandlungsmethoden, weil die Krankheit nur selten vorkommt und es deshalb nicht wirtschaftlich ist“, sagt Kerstin Auerswald.

Etwa 25 Läufer von der WSU begleiteten ihren Mann, umarmten ihn im Ziel, es flossen viele Tränen. „Das war definitiv der emotionalste Lauf, den wir alle je erlebt haben“, schilderte Julian Tietje, Leiter des WSU-Lauftreffs, seine Eindrücke: „Viele von uns hatten großen Respekt vor dieser Aktion, weil es eben so emotional ist. Aber uns war wichtig, Steffen diesen Wunsch zu erfüllen, Flagge zu zeigen, das T-Shirt zu zeigen und das Thema ALS publik zu machen.“

Lebenserwartung ist nicht vorhersehbar

Die Idee dazu wurde im März geboren, als Steffen und Kerstin Auerswald beim Marathon in Barcelona am Rande der Strecke sahen, dass auch dort Rollstuhlfahrer geschoben wurden. „Dann haben wir Kontakt zu Michael Brinkmann, dem Organisator des Münster-Marathons, aufgenommen, und er hat uns das sofort ermöglicht“, berichtet Steffen Auerswald – und ist dankbar dafür.

Wie lange er noch lebt, weiß er nicht. Was er weiß: Der gestrige Marathon mit all seinen Freunden von der Warendorfer SU war sein letzter. Es war sein Marathon.

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