Gnadenlose Jagd auf Menschen - 92 Tote
Bild: dpa
Eine Aufnahme aus einem Hubschrauber zeigt den Attentäter Anders Behring Breivik (M.) mit einer Waffe in den Hand, neben mehreren leblosen Körpernauf der norwegischen Insel Utoya bei Oslo.
Bild: dpa

Der Mann wird der rechten Szene zugeordnet. Offen ist, ob er allein handelte oder Komplizen hatte. Der Doppelanschlag löste weltweit Entsetzen aus. Ministerpräsident Jens Stoltenberg sprach von der schlimmsten Katastrophe Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg. Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei hatten der oder die Täter zunächst die Explosion im Osloer Zentrum herbeigeführt. Wenig später feuerte ein als Polizist verkleideter Mann auf der Insel Utøya unweit der Hauptstadt das Feuer auf die wehrlosen Teilnehmer eines Sommercamps. Er war laut Augenzeugen zuvor am Anschlagsort in Oslo gesehen worden. Die Polizei schloss am Samstag nicht aus, dass sich die Zahl der Toten weiter erhöhen könnte. Im See um die Insel Utøya werde nach weiteren Opfern gesucht. Vier Jugendliche werden noch vermisst. Die Polizei ging zunächst von einem Einzeltäter aus, schließt aber inzwischen nicht mehr aus, dass er einen Komplizen hatte. "Wir haben mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen, wonach es einen zweiten Täter geben soll. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das aufzuklären", sagte Kriposprecher Einar Aas

Jugendliche sprangen in Todesangst ins Wasser

Augenzeugenberichten zufolge wurde mehr als 45 Minuten auf die rund 600 Jugendlichen in dem Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF geschossen. Überlebende berichteten im TV-Sender NRK von Panik und Chaos. Viele der Teenager im Alter von 14 bis 17 Jahren sprangen aus Todesangst ins Wasser, um schwimmend von der Insel zu entkommen. Auch auf sie sei geschossen worden. „Ich hab ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich“, berichtete die 22-jährige Nicoline Bjerge Schie am Samstag. Die junge Frau hatte sich mit Freunden hinter einem Felsen am Wasser versteckt.

Attentäter jubelte bei seinem Blutbad

Der sozialdemokratische Jugendfunktionär Adrian Pracon berichtete, ein Täter habe mehrfach geschrien: „Ich bringe auch alle um. Alle müssen sterben.“ Er selbst habe nur überlebt, weil er sich tot gestellt hatte, berichtete der Norweger in der Zeitung "Verdens Gang": "Er zielte mit der Pistole auf mich, aber er hat nicht abgedrückt." Der noch am Freitag festgenommene 32-Jährige wird der rechten Szene zugeordnet und soll laut Polizei christlich-fundamentalistisch" orientiert sein. Zwei Schusswaffen, darunter eine Maschinenpistole, wurden sichergestellt.

Die 4,5 Millionen Norweger hörten und sahen im Fernsehen herzzerreißende Berichte von Überlebenden: Lisa Irene Johansen Aasbø etwa, von ihrer Mutter im Arm gehalten, erzählte, wie sie vor dem wild schießenden Attentäter in Polizeiuniform und schusssicherer Weste am Ende ins Wasser geflüchtet war, um schwimmend zu entkommen. „Ich habe überlebt, weil Menschen kamen und mich in ihr Boot gezogen haben.“

Aus Sicht der Helfer schilderte die Norwegerin Torill Hansen im NRK-Rundfunk, was für sie das Schlimmste war: Sie hatte mit ihrem Motorboot im Tyrifjord schwimmend flüchtende Jugendliche aus dem Wasser geholt. „Als ich zehn aufgenommen hatte, war das Boot voll. Es war so schrecklich, als ich die elften und zwölften abweisen musste.“

Lisa erzählte, wie der am Ende festgenommene 32-Jährige mitten in eine Versammlung der Jugendlichen in dem Ferienlager geschossen hatte. „Wir waren ja zusammengerufen worden, um über die Bombenexplosion in Oslo informiert zu werden.“ Auch der Anschlag im Regierungsviertel der Hauptstadt geht nach Überzeugung der Polizei auf das Konto desselben Attentäters. Sieben Menschen starben bei der schweren Explosion, mindestens zehn wurden schwer verletzt.

Nach der Explosion gegen 15.20 Uhr war Andreas Behring B. (Bild) wohl mit dem Auto zu der 40 km entfernten Insel gefahren, um das Jugendlager der Partei von Ministerpräsident Jens Stoltenberg zu attackieren. Auch nach seiner Festnahme gab es noch viele Fragezeichen: Wie lange konnte er wüten, ehe die herbeigerufene Antiterror-Einheit der Polizei ihn festnahm? Welche Waffen setzte er ein. Und vor allem: Warum? Der Tod von 85 Jugendlichen erscheint unfassbar.

Motiv bleibt bisher rätselhaft

Die Polizei bestätigte im Fernsehen, dass der nach seiner Festnahme aussagebereite Mann «eine nationalistische Gesinnung» habe und «antimuslimisch» eingestellt sei. Er habe mittlerweile zwar ein Teilgeständnis abgelegt, aber über sein genaues Motiv nichts ausgesagt. Aus dem inzwischen gesperrten Facebook-Profil des Mannes war nach den NRK-Angaben zu entnehmen, dass er einen Handel für landwirtschaftliche Produkte betrieb.

Bombe aus Kunstdünger?

Der mutmaßliche norwegische Attentäter hat seit dem Frühjahr große Mengen Kunstdünger eingekauft, der zur Herstellung von Sprengstoff geeignet war. Das teilte eine Sprecherin des Agrar-Großhändlers Felleskjøbet am Samstag im TV-Sender NRK mit. Man habe keinen Verdacht geschöpft, weil er einen Agrarhandel "Geofarm" für Gemüse und Früchte betrieb.

Das könnte erklären, wie er sich Kenntnis über die Zusammenstellung von Sprengstoffen verschafft hat, hieß es in ersten Medienkommentaren. In einer Twittermitteilung hatte der Mann geschrieben: „Eine Person mit Überzeugung macht die Kraft von 100 000 wett, die nur Interessen haben.“

Das Feriencamp der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF war „multikulturell orientiert“, erzählten Teilnehmer. Als Gegner eines multikulturellen Norwegen hatte sich der mutmaßliche Attentäter im Internet präsentiert. Mit diesen Informationen waren die anfänglichen Vermutungen schnell zu den Akten gelegt, dass in Oslo und auf der kleinen Ferieninsel radikalislamistische Terroristen zugeschlagen haben könnten.

Einen Tag nach den schweren Terroranschlägen in Norwegen hat Oslos Bürgermeister Fabian Stang seine Stadt in eine Reihe mit London, New York und anderen Terrorschauplätzen gestellt. „Es ist schrecklich, dass wir nun auch eine solche Situation haben“, sagte Stang am Samstag. „Es wird immer wichtiger, dass wir zusammenhalten.“ Vor dem von Polizisten gesicherten Rathaus sagte der Bürgermeister, er hoffe nicht, dass der zweifache Anschlag vom Freitag mit mehr als 90 Toten die norwegische Gesellschaft verändern werde. Der Respekt vor den Toten gebiete es, „dass wir diese Stadt noch sicherer und offener und den Umgang miteinander noch respektvoller gestalten“.

Oslo gleicht einer Geisterstadt

Die Osloer Innenstadt wurde am Samstag vom Militär gesichert. Die Einheiten sollten vor allem die Ermittlungsarbeit der Polizei im Regierungsviertel absichern.  Die norwegische Flagge wehte an allen öffentlichen Gebäuden auf Halbmast. In vielen Gesichtern stand das Entsetzen über das Ausmaß der Zerstörung, berichtete ein Reporter. Teile des Zentrums seien am Morgen fast menschenleer gewesen. Oslo glich einer Geisterstadt

SOCIAL BOOKMARKS