Forscher: Verlust der Nacht beeinflusst Menschen und Tiere

Berlin (dpa) - Diesen Samstag gehen an Gebäuden und Sehenswürdigkeiten rund um den Globus die Lichter aus, um ein Zeichen für mehr Umwelt- und Klimaschutz zu setzen.

Auf Initiative der Umweltschutzorganisation WWF sollen während der «Earth Hour» Lampen, Straßenlaternen, Reklametafeln und Flutlichtanlagen für eine Stunde ausgeschaltet werden. Normalerweise erhellen Millionen von Lichtquellen Nacht für Nacht Städte auf der ganzen Welt.

Zahlreiche Forscher davon aus, dass diese sogenannte Lichtverschmutzung negative Folgen hat. Die Auswirkungen auf Menschen und Tiere seien weitreichend und längst nicht vollständig abzuschätzen, sagt der Berliner Biologe Franz Hölker der Nachrichtenagentur dpa. Der 48-Jährige leitet den interdisziplinären Forschungsverbund «Verlust der Nacht», in dem sich zehn Forschungsinstitute zusammengeschlossen haben, um die Auswirkungen nächtlicher Beleuchtung zu untersuchen.

Herr Hölker, was ist eigentlich Lichtverschmutzung?

Hölker: «Unter Lichtverschmutzung versteht man die Verschmutzung des natürlichen nächtlichen Lichts - Mond, Sterne, komplette Dunkelheit - durch künstliches Licht mit negativen Auswirkungen auf Mensch und Natur.»

Was ist denn das Problem an den künstlich immer heller werdenden Nächten?

Hölker: «Die Städte in Deutschland sind nachts von regelrechten Lichterglocken umgeben. Wir stehen mit der Forschung noch ziemlich am Anfang, wissen aber, dass der Melatoninhaushalt des Menschen durch nächtliches Licht durcheinandergebracht werden kann. Dieses Hormon steuert eigentlich den Tag-Nacht-Rhythmus des Körpers. Wenn die äußeren Zeitgeber nicht mehr so deutlich vom Körper wahrgenommen werden, da Helligkeitsunterschiede zwischen Tag und Nacht nicht mehr ausgeprägt sind, kann das viele Folgen haben. Es wird vermutet, dass Schlafstörungen hier ein Anfang sind. Diese könnten eventuell auch Herz-Kreislauferkrankungen oder Depressionen nach sich ziehen. Das Nachthormon Melatonin ist aber auch bei der Immunabwehr von Bedeutung. Man vermutet, dass es unter anderem bei der Abwehr von Krebs eine Rolle spielt. Die WHO (Anmerkung: Weltgesundheitsorganisation) hat daher Nacht- und Schichtarbeit als potenziell krebserregend eingestuft.»

Auch die Tierwelt leidet, oder?

Hölker: «Viele Tiere haben sich evolutionär auf die Nacht als Nische eingerichtet. 30 Prozent der Wirbeltiere und 60 Prozent der Wirbellosen sind nachtaktiv. Wenn die Nacht zum Tag wird, verlieren viele von ihnen ihren Lebensraum. Oder sie ändern ihr Verhalten: Viele Vögel fangen beispielsweise früher an zu singen. Oder Insekten werden von Lampen angezogen, umkreisen diese orientierungslos und werden zur leichten Beute für Räuber wie beispielsweise Spinnen. Viele dieser Insekten fehlen dann aber wieder in ihren ursprünglichen Ökosystemen, in denen sie eigentlich anderen Tieren - Fischen, Vögeln - als Nahrung dienen. Dadurch können ganze Nahrungsnetze verzerrt werden, und einige Arten können in manchen hell erleuchteten Gegenden schlicht nicht überleben.»

Die Astronomie hat sich längst in entlegene Winkel der Erde zurückgezogen - zum Beispiel in die Atacamawüste in Südamerika. Ist es eigentlich ein Problem, dass wir nachts kaum noch Sterne sehen?

Hölker: «Die dunkle Nacht zu sehen, hat einen kulturellen Wert. Man sieht die Weite des Nachthimmels und erfährt sich als Teil eines großen Ganzen. Richtig dunkle Nächte haben wir aber nicht mehr. Wenn es bewölkt ist, sind die Nächte sogar noch heller, weil das Licht dann von den Wolken reflektiert wird. 40 Prozent der unter 30-Jährigen in Deutschland haben noch nie die Milchstraße gesehen. Das ist definitiv ein Problem.»

Kann auch jeder Einzelne etwas gegen Lichtverschmutzung tun?

Hölker: «Es hilft schon, nicht die ganze Nacht lang Lampen im Garten oder auf dem Balkon brennen zu lassen. Kugellampen, die auch nach oben abstrahlen, sollte man zudem erst gar nicht installieren. So kann man mit einfachen Mitteln schon viel erreichen.»

Forschungsverbund «Verlust der Nacht»

WWF Earth Hour

SOCIAL BOOKMARKS