Mehr Frührentner mit finanziellen Einbußen

Berlin (dpa) - In Deutschland sind noch nie so viele Menschen mit Abschlägen in Rente gegangen wie 2011. Von den knapp 700 000 Neurentnern bekam knapp die Hälfte - fast 337 000 - wegen vorzeitigen Rentenbezugs nicht das volle Ruhegeld. 2002 waren es erst 248 000.

Männer nahmen für den Vorruhestand Abschläge von im Schnitt 107,40 Euro in Kauf, bei Männern und Frauen zusammen liegt der Abschlag bei 109,15 Euro. Das geht aus Zahlen der Deutschen Rentenversicherung hervor, über die zuerst die «Süddeutsche Zeitung» (Donnerstag) berichtete.

Der Anteil der Frührentner an allen Vorruheständlern kletterte binnen Jahresfrist von 47,5 auf 48,2 Prozent. 2005 waren es erst 41,2 Prozent. Grund für die Zunahme der Rentner mit Abschlägen sind ausgelaufene Vertrauensschutzregelungen.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sieht in der Entwicklung Licht und Schatten. Sie zeige zum einen eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen. Zum anderen, dass Beschäftigte früher ausschieden, «weil es nicht mehr geht». Offensichtlich könne sich ein großer Teil die Frührente aber leisten.

Die Frührentner kamen aus allen Branchen. In 23 von 39 ausgewählten Berufsgruppen lag ihr Anteil bei mehr als 60 Prozent. Im Gesundheitswesen waren es 64,1 Prozent, geht aus der dpa vorliegenden Daten der Rentenversicherung und des Bundesarbeitsministeriums hervor, die der Rentenexperte der Linkspartei, Matthias Birkwald, erfragt hatte.

Die Frühruheständler erhielten im Schnitt 811 Euro Rente, sie schieden 36,25 Monate früher als gesetzlich vorgesehen aus dem Berufsleben aus. Der Anteil der Frauen mit Rentenabschlägen stieg von 36,1 auf 51,7 Prozent im Jahr 2011. Das Renteneintrittsalter lag 2011 im Schnitt bei 63,5 Jahren, im Jahr 2000 bei 62,3 Jahren.

Offen bleiben muss laut Rentenversicherung die Antwort auf die Frage, wer gezwungenermaßen und wer freiwillig vorzeitig die Arbeit quittiert. Viele waren vorher krank oder arbeitslos. Andere stehen finanziell so gut da, dass sie sich den vorzeitigen Abschied aus dem Arbeitsleben leisten können. Laut Statistik haben die Frührentner im Schnitt besser als der Durchschnitt verdient. Viele haben aber auch ausreichend geerbt.

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte erneut flexiblere Übergänge in die Rente. «Gerade Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen schaffen es oft nicht, auch nur bis 65 durchzuhalten.» Das Konzept der SPD dazu liege auf dem Tisch.

Nach Feststellung des Arbeitgeberverbands BDA gibt es keinen Trend zur Frührente. Das durchschnittliche Zugangsalter für die Altersrente von 63,5 Jahren sei der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Frührentner seien 2011 später in Rente gegangen als 2010: im Durchschnitt 36 statt wie zuvor 38 Monate vor Erreichen der Regelaltersgrenze. Das sei der niedrigste Stand seit 2003.

Das DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sieht in der Entwicklung einen Beleg dafür, «dass die Arbeitsbelastungen viel zu hoch sind und die Rente mit 67 unerreichbar ist». Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird derzeit schrittweise bis auf 67 Jahre angehoben. Unfreiwillige Abschläge müssen all jene hinnehmen, die bis zur neuen Altersgrenze nicht arbeiten können.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) stieg die Beschäftigungsquote der 60- bis 64-Jährigen auf zuletzt 29,3 Prozent. Von den 64-Jährigen hatten im Juni 2012 nur 14,2 Prozent einen Job.

Wegen Dienstunfähigkeit wurden 2011 weniger Lehrer in den Ruhestand versetzt: genau 4000 der 20 900 verbeamteten Lehrer. Das ist mit 19 Prozent laut Statistischem Bundesamt der niedrigste Wert seit 1993. Möglicher Grund für den Rückgang: die Einführung von Abschlägen bei einer Frühpensionierung.

Destatis-Mitteilung

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