Wirtschaftskrise in Europa drückt die Geburtenraten

Rostock (dpa) - Kein Job, kein Baby: Nach einer neuen Studie hat die Wirtschaftskrise samt steigender Arbeitslosigkeit den Geburtenraten in einigen europäischen Ländern eine kräftige Delle verpasst.

Je höher die Arbeitslosigkeit in den einzelnen Ländern anstieg, desto weniger Babys brachten Frauen dort zur Welt, berichtet das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Vor allem junge Paare gründeten seltener eine Familie. Besonders deutlich zeigte sich dieser Anti-Baby-Effekt in Spanien. Die Krise machte damit häufig einen positiven Trend zunichte. Denn in vielen europäischen Ländern waren die Geburtenraten wieder angestiegen. In Deutschland mit sinkender Arbeitslosigkeit war kein Negativ-Effekt zu spüren.

Die Max-Planck-Forscher untersuchten für die Fachzeitschrift «Demographic Research» Daten aus den Jahren 2001 bis 2010, in einigen Ländern auch bis 2011. Danach sank in den 28 untersuchten europäischen Ländern die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau tendenziell umso stärker, je höher die Arbeitslosenquote kletterte. Die Krise habe einen europaweiten Aufschwung der Geburtenraten unterbrochen, sagte Mitautorin Michaela Kreyenfeld der Nachrichtenagentur dpa.

Beispiel Spanien: Dort stieg die Kinderzahl pro Frau von durchschnittlich 1,24 zu Beginn des Jahrtausends Jahr für Jahr und erreichte 2008 einen Wert von 1,47. Nach dem Krisenjahr 2008 sackte sie 2009 auf 1,40 ab. Die Arbeitslosenquote stieg in der gleichen Zeit sprunghaft von 8,3 Prozent (2008) auf 11,3 Prozent (2009). 2011 lag die Quote in Spanien nur noch bei 1,36 Kindern je Frau.

Ähnliche Effekte waren auch in Kroatien, Ungarn, Irland und Lettland zu beobachten - vor allem bei Paaren unter 25 Jahren. Wenn die jungen Leute auf dem Arbeitsmarkt erst gar nicht Fuß fassen könnten, würden sie die Familiengründung zumindest verschieben, erläuterte Kreyenfeld. Das wirkte sich vor allem auf die Geburt des ersten Kindes aus. Bei älteren Paare ab 40, die ihre biologische Uhr ticken hörten, war dieser Effekt allerdings nicht zu sehen.

Ob und wie wirtschaftliche Bedingungen die Geburtenraten beeinflussen, ist nach Angaben des Max-Planck-Instituts eine der großen offenen Fragen der demografischen Forschung. Die Studie belege für das heutige Europa, dass die Höhe der Arbeitslosigkeit im eigenen Land sich durchaus auf die Bereitschaft, Kinder zu bekommen, auswirke, sagte Kreyenfeld. Steige die Arbeitslosenrate um ein Prozent, sinke die Geburtenrate bei den 20- bis 24-Jährigen um etwa 0,1 Prozent, in Südeuropa um 0,3 Prozent.

In Tschechien, Polen, Großbritannien oder Italien stoppte die Krise laut Studie die wachsende Geburtenrate. In anderen Ländern wie Russland oder Litauen zeigte sie nur schwache oder gar keine Auswirkungen. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz ergab die Studie keine bedeutenden Einflüsse. Dort stieg die Arbeitslosenquote in den vergangenen Jahren allerdings auch nicht oder nur wenig, in Deutschland sank sie sogar. Die Forscher schließen nicht aus, dass sich die Krise weiter negativ auf die Geburtenraten auswirkt.

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