Astrazeneca jetzt auch für «60 plus»
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Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Essen. Foto: Marcel Kusch/dpa/Archivbild
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Düsseldorf (dpa/lnw) - Ab Karsamstag können Menschen ab 60 Jahren in Nordrhein-Westfalen Termine für Impfungen mit dem Präparat von Astrazeneca buchen. Nach Ostern sollen die Corona-Schutzimpfungen auch in Hausarztpraxen anlaufen. Das kündigte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Mittwoch in Düsseldorf an. Die jüngste Altersbeschränkung für Astrazeneca sei zwar «ein Rückschlag», räumte er ein. Die Termine für die über 70-Jährigen würden deswegen aber nicht verschoben. Am Dienstag nach Ostern gehe es, wie geplant, mit den Vereinbarungen für den Jahrgang 1941 los.

Bund und Länder waren am Dienstagabend der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) gefolgt, das Präparat von Astrazeneca in der Regel nur noch für Menschen ab 60 Jahren einzusetzen. Jüngere können sich nach Rücksprache mit dem Arzt und auf eigenes Risiko weiterhin damit impfen lassen. Hintergrund sind Fälle von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen, die zuletzt im zeitlichen Zusammenhang mit dem Impfstoff aufgetreten waren, vorwiegend bei Frauen unter 55 Jahren. So sieht die Lage aus:

ASTRAZENECA: Noch am Wochenende würden in NRW rund 450 000 Dosen von Astrazeneca erwartet, kündigte das Gesundheitsministerium am Mittwochabend an. Große Lagerbestände dieses Vakzins gebe es hier nicht mehr, hatte Laumann zuvor gesagt. Die neue Lieferung werde nun Menschen ab 60 Jahren angeboten, die sich damit impfen lassen wollen. Karsamstag würden dafür die Terminsysteme der beiden Kassenärztlichen Vereinigungen freigeschaltet. «Sie müssen aber wissen: Es ist ein Termin mit Astrazeneca», unterstrich Laumann. «Wer das nicht möchte, sollte gar nicht erst seinen Termin buchen.»

Wenn einer Gruppe, die größer sei als die der über 80-Jährigen, jetzt diese Chance gegeben werde, sollte aber auch einkalkuliert werden, dass es dabei zu Problemen im Buchungssystem kommen könnte, mahnte Laumann. Beim Start der Buchungen für die über 80-Jährigen war es zu einer totalen Überlastung gekommen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind in NRW rund 2,2 Mio Menschen zwischen 60 und 70 Jahre alt, rund 1,6 Millionen sind 70 bis 80 Jahre alt und 1,2 Millionen über 80. Die SPD-Opposition forderte die Landesregierung auf, dafür zu sorgen, «dass ab Samstag alles reibungslos funktioniert».

IMPF-STRAßEN: Über Ostern werde in den 53 Impfzentren mit zusätzlichem Personal und zusätzlichen Öffnungszeiten geimpft, sagte Laumann. Auch Berufsgruppen würden weiter geimpft - aber nicht mit Astrazeneca, sondern aus der Impfstoff-Reserve von Biontech/Pfizer oder Moderna. Für die nächsten Wochen würden in NRW weitere Lieferungen dieser beiden Vakzine erwartet. Parallel gehe es in den Zentren weiter mit Erst- und Zweitimpfungen für über 80-Jährige - darunter Laumanns 92-jährige Mutter, die Karfreitag einen Termin für die Zweitimpfung hat. «Wir werden mehr Impf-Straßen aufmachen, die eher aufmachen und später zumachen», versprach Laumann.

ZWEIT-IMPFUNG: Jeder, der in NRW seit dem Start mit Astrazeneca am 8. Februar schon eine solche Impfung bekommen habe, müsse sich keine Sorgen um die Zweitimpfung machen. Bis die ab der zweiten Mai-Woche bei den ersten dieser Gruppe anstehe, sei geklärt, wie das Immunisierungsverfahren fortgesetzt werde, sagte Laumann.

Der Ärztliche Direktor der Universitätsklinik Essen, Jochen Werner, sagte, eine Zweit-Impfung mit einem alternativen Impfstoff sei «auf jeden Fall medizinisch denkbar». Dazu sollten im April erste Studien-Ergebnisse vorliegen.

RISIKEN: Der Medizin-Professor sieht keinen Grund, ganz auf Astrazeneca zu verzichten - obwohl derzeit viele verunsichert seien. «Für die Gruppe ab 60 gibt es eine hinreichende Studien-Lage zur ganz klaren Effektivität der Impfungen mit Astrazeneca, weswegen wird diese Verimpfung empfehlen.» Für junge Menschen gebe es hingegen eine andere Nutzen-Risiko-Abwägung, weil es für diese Altersgruppe extrem unwahrscheinlich sei, an Covid-19 sterben, während ihr Risiko für ein Blutgerinnsel in Hirnvenen vergleichsweise höher sei. Insgesamt gehe es hier aber um «super seltene Ereignisse».

NOTFALL: Wer innerhalb von 16 Tagen nach der Impfung auffällige Beschwerden habe, solle sich nicht scheuen, unter der Nummer 116 117 die Notfallpraxen anzurufen oder sich an ein Krankenhaus zu wenden, empfahl Werner. Richtig sei aber auch: «Nicht jede Kopfschmerz-Problematik bedeutet jetzt Sinusvenenthrombose.» Ob es für Frauen, die die Pille nehmen und rauchen, besonders riskant wäre, sich mit Astrazeneca impfen zu lassen, sei noch nicht hinreichend erforscht. Werner wies auf die große Erfahrung des Essener Uniklinikums hin. Mit inzwischen über 2000 stationär behandelten Patienten und über 300 an oder in Zusammenhang mit dem Virus verstorbenen Patienten sei es «das größte Covid-Zentrum in Nordrhein-Westfalen».

HAUSÄRZTE: In Kürze sollen auch die 11 000 Hausärzte in ihren landesweit rund 6000 Praxen die Impf-Spritze ansetzen dürfen. Dafür würden nach den Ostertagen rund 400 000 Impfdosen geliefert, berichtete Laumann. Damit sollten die Ärzte vor allem chronisch kranke und stark pflegebedürftige Menschen impfen. In den ersten zwei Wochen wird laut Ministerium an die Hausarztpraxen Biontech-Impfstoff geliefert, später dann Astrazeneca. Sie müssen sich im Umgang mit den Priorisierungen und mit Astrazeneca an dieselben Vorgaben halten wie die Impfzentren.

WAHLFREIHEIT: Deutschland habe mehr Impfstoffe gekauft, als das Land Einwohner habe, bekräftigte Laumann. Am Ende könne es für die Menschen eine gewisse Wahlfreiheit geben - «aber sicher nicht im Monat April». Er werde sich erst impfen lassen, wenn seine Altersgruppe an der Reihe sei, um nicht Kritik auf sich zu ziehen. «Aber ich hätte überhaupt kein Problem, mich heute am Tag mit Astrazeneca impfen zu lassen», betonte der Minister. Insgesamt habe es in NRW bislang bis zu 700 000 Impfungen mit Astrazeneca gegeben - vor allem für Berufstätige unter 60 Jahren in Krankenhäusern, Arztpraxen, Schulen und in der Kinderbetreuung.

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