Experte: Scharfer NC produziert Lehrermangel an Grundschulen
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«1./2. Stunde fällt aus!!!» steht in Schreibschrift auf einer Tafel. Foto: Caroline Seidel/dpa/Illustration
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Düsseldorf (dpa/lnw) - Die Zugangsbeschränkung Numerus clausus (NC) ist aus Sicht des Bildungsforschers Klaus Klemm Hauptursache für den Lehrermangel an den Grundschulen in Nordrhein-Westfalen. Dieser «stark wirkende NC» habe «an allen nordrhein-westfälischen Hochschulen ungezählte junge Studienberechtigte gehindert», ihren Wunschberuf zu erlernen, stellte Klemm in einer schriftlichen Stellungnahme an den Düsseldorfer Landtag fest. Das Thema Bildungsgerechtigkeit und Lehrkräftemangel stand am Mittwoch auf Antrag der SPD-Opposition auf der Tagesordnung des Schulausschusses.

«Es muss daher sehr kurzfristig sichergestellt werden, dass landesweit die Hochschul- und Seminarkapazitäten bedarfsgerecht ausgebaut werden», unterstrich der Essener Bildungsforscher. «Zudem müssen Anstrengungen unternommen werden, die hohe Abbruchquote im Verlauf des Studiums zu verringern.»

In stark nachgefragten Fächern legen die Universitäten einen NC fest, der die Zulassung zum Studium begrenzt und von Hochschule zu Hochschule stark variieren kann. «Der örtliche NC ergibt sich aus der Konkurrenz der Bewerberinnen und Bewerber um die knappen Studienplätze», erklärt das Schulministerium. Über die Zulassung entscheide in der Regel die Abiturnote, gegebenenfalls unter Berücksichtigung von Wartezeit und sozialen Gesichtspunkten.

Der NC liegt aktuell etwa an der Universität Duisburg-Essen je nach Fächergruppen meist bei 2,1, an der Universität Münster beträgt die «Auswahlgrenze» nach den Worten eines Sprechers derzeit 2,3, kann aber von Jahr zu Jahr stark variieren. Im Wintersemester 2014/15 galt dort demnach noch ein NC von 1,7 für die angehenden Grundschullehrer.

Ebenso wie die Bochumer Erziehungswissenschaftlerin Gabriele Bellenberg und der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz, Lambert Koch, fordert Klemm eine größere Flexibilität im Lehramtsstudium. Wenn sich die Studierenden nicht so früh auf ein bestimmtes Lehramt festlegen müssten, könnte flexibler auf den Bedarf reagiert werden, argumentierten die Wissenschaftler.

Der Philologenverband sieht das anders: Das Lehramt für Gymnasien und Gesamtschulen sei «ausgerichtet auf die Vermittlung einer vertieften Allgemeinbildung», argumentiert die Landesvorsitzende Sabine Mistler. Für Grundschulen würden eher «pädagogische Faktoren» vermittelt.

Ausschließlich für die gymnasiale Oberstufe an Gesamtschulen und Gymnasien sei ein Lehrkräfteüberhang von 16 000 Lehrern in den kommenden zehn Jahren zu erwarten, bilanzierte der Verband Bildung und Erziehung (VBE). In den Lehrämtern für Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen werde hingegen bis zum Ende der dreißiger Jahre Mangel vorherrschen, stellte Klemm in seinem Bericht fest.

An den Grundschulen sei laut Prognose der Landesregierung zu erwarten, dass gegen Ende der zwanziger Jahre der bis dahin aufgestaute Lehrkräftemangel abgebaut sei. «Vor diesem Hintergrund wäre es überlegenswert, den Studierenden des Grundschullehramts ein Aufbaumodul anzubieten, das sie zum Unterricht in den Jahrgangsstufen 5 und 6 der Sekundarstufe I qualifiziert», schlug Klemm vor. Dies könne Arbeitslosigkeit von Grundschullehrern verhindern und den Mangel an den weiterführenden Schulen mindern.

Er empfiehlt darüber hinaus vor, das Modell der Vorgriffsstunden zu reaktivieren, um Bedarfsspitzen abzufedern: In den 90er Jahren konnten Lehrkräfte der Altersgruppe 35 bis 49 Jahre ihre Unterrichtsverpflichtung um eine Stunde wöchentlich erhöhen. Ab dem 55. Lebensjahr bekamen sie die vorgearbeitete Zeit dann zurück. Aus Sicht der Landeselternschaft der integrierten Schulen in NRW könnten Arbeitszeitkonten und Sabbatjahre «die Bereitschaft der Lehrkräfte erhöhen, länger vollzeitnah zu arbeiten».

Nach übereinstimmender Meinung von Eltern- und Lehrerverbänden sowie Wissenschaftlern müssten Seiteneinsteiger besser für ihre Lehrtätigkeit nachqualifiziert werden. Nach Erfahrungen des VBE sollte diese Notlösung dennoch nicht ausgeweitet werden. Das Fundament schulischen Lernen müsse von originär ausgebildeten Lehrern gelegt werden, unterstreicht Landeschef Stefan Behlau. Es sei «nicht hinnehmbar, dass an vielen Schulen Personen ohne Lehramtsbefähigung und ohne entsprechende Qualifikation quer durch die Fächer unterrichten».

Der Verband der Lehrer an Berufskollegs verwies auf deutliche bessere Arbeitsbedingungen in der freien Wirtschaft. Potenziellen Lehrkräften stehe in vielen Fachrichtungen «der komplette Arbeitsmarkt zur Verfügung». Hier könnten Zulagen für Lehrkräfte in Mangelfächern und für das verlangte einjährige Berufspraktikum die Attraktivität des Berufslehrerberufs steigern, empfahl der Landesvorsitzende Michael Suermann. Laut einer Bertelsmann-Studie würden bis 2030 rund 60 000 neue Lehrkräfte in NRW gebraucht, bilanzierte die SPD.

Lehrermangel betrifft nicht nur Schulformen unterschiedlich stark, sondern auch Regionen, wie die Erziehungswissenschaftlerin Gabriele Bellenberg feststellte. So sei etwa das Ruhrgebiet bei Stellenbesetzungen im Bereich der Grund-, Real- und Gesamtschulen weniger erfolgreich als das Rheinland und Westfalen. Eine Interview-Studie an «Schulen in herausfordernden Lagen» habe gezeigt, dass der Bedarf dort wegen der hohen Integrations- und Ausbildungsherausforderungen «noch nicht einmal durch Seiteneinsteiger gedeckt» werden könne.

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