Experte kritisiert: Deichsanierungen dauern viel zu lange
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Deiche am Rhein werden saniert. Foto: Roland Weihrauch/dpa
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Emmerich (dpa/lnw) - Die Sanierung der Deiche in Nordrhein-Westfalen dauert aus Sicht eines Experten wegen strenger Auflagen und stockender Bearbeitung bei den Behörden viel zu lang. Es bestehe die Gefahr, dass NRW das selbst gesetzte Ziel einer Sanierung bis 2025 verfehle, sagte der Sprecher des NRW-Arbeitskreises Hochwasserschutz und Gewässer, Holger Friedrich, der dpa. NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) betonte, wie wichtig intakte Deiche seien. «Hochwasserschutz ist elementare Krisenvorsorge», sagte sie.

Laut dem Deichexperten Friedrich werden allerdings die Genehmigungsverfahren immer komplizierter und immer wieder blieben komplett durchgeplante und mit der Bevölkerung abgestimmte Projekte jahrelang bei der Behörden hängen. Sie müssten dann später in Teilen neu begonnen werden. «2025 - das wird wahnsinnig sportlich.»

«Bei allem Verständnis für personelle Engpässe - das Land muss hier die erforderlichen Fachleute rekrutieren», forderte Friedrich, der zugleich Geschäftsführer des größten NRW-Deichverbandes Bislich-Landesgrenze am Niederrhein ist. Der Experte nannte als Beispiel ein Deichbauprojekt in Rees-Löwenberg, das bereits 1999 beantragt worden sei. Nachdem die Bezirksregierung jahrelang nicht reagiert habe, habe der Verband ein neues aufwendiges Antragsverfahren mit Bürgererörterung starten müssen. Der neue Antrag liege nun bereits wieder seit Ende 2018 bei der Behörde.

Er habe auch nur bedingt Verständnis dafür, dass die Deichverbände bei Sanierungen ökologische Ausgleichsprojekte aufsetzen müssten, sagte Friedrich. «Wir würden das Geld lieber in gute Deiche stecken.» Schließlich entstünden am Ende naturnahe und begrünte Bauwerke, auf denen oft Schafe weideten. Und wenn die Deichbauverbände als Ausgleichsfläche Äcker aufkauften und in Wald oder Grünland umwandelten, fehle die Fläche der Landwirtschaft.

Allein im Regierungsbezirk Düsseldorf gelten 95 von insgesamt 280 Kilometer Deich als Sanierungsfall, weitere 21 Kilometer werden untersucht. Auch im jüngsten Bericht des Umweltministeriums an den Landtag zur Deichsanierung vom April 2020 ist von einem «hohen Risiko» für die Überschreitung des Zeitzieles 2025 die Rede.

Die Deiche hätten beim bisherigen Winterhochwasser einen «guten Job» gemacht, auch die neuen, die erstmals im Wasser gestanden hätten, sagte Friedrich. Allerdings sei dieses Hochwasser ja auch bisher moderat: Bei einem Pegel von 7,51 Meter (Donnerstagmittag) in Emmerich liege es noch sehr deutlich unter dem letzten «Jahrhunderthochwasser» im Jahr 1995 mit 9,84 Meter in Emmerich.

Deiche bräuchten regelmäßige Sanierung, weil das Wasser die Bauwerke durchnässe und beim Ablaufen immer wieder die Kleinteile aus dem Deich herausziehe, betonte der Fachmann. Sonst lasse die Stabilität langsam aber sicher nach.

Allein am Rhein leben in NRW rund 1,4 Millionen Menschen in Flussnähe. Experten erwarten, dass aufgrund der Klimaveränderungen Extrem-Wetterereignisse und damit auch die Hochwassergefahren zunehmen. «Daher unterstützen und begleiten wir die zuständigen Stellen vor Ort bei der Verbesserung des technischen und vorsorgenden Hochwasserschutzes», betonte Heinen-Esser. Konkret werden Deiche bei den Sanierungen rund 70 Zentimeter höher gebaut und die Grundfläche von rund 30 auf 60 Meter verdoppelt, wie Friedrich erklärte.

Pro Kilometer Deich kostet das laut Friedrich etwa vier bis fünf Millionen Euro. Die Kosten übernimmt zu 80 Prozent das Land, den Rest müssen die Bürger tragen, die im festgestellten Schutzbereich des Deiches wohnen.

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