Germanwings-Absturz in den Alpen: Wohl keine Überlebenden

Paris/Düsseldorf (dpa) - Bei einem der schwersten Abstürze in der deutschen Luftfahrtgeschichte sind in Südfrankreich wahrscheinlich alle 150 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Eine Maschine vom Typ Airbus A320 der Lufthansa-Tochter Germanwings auf dem Weg nach Düsseldorf stürzte am Dienstagvormittag nahe des Ortes Digne in den französischen Alpen in schwer zugänglichem Gebiet ab. Bilder zeigen unzählige Trümmerteile in einer kargen Felslandschaft. «Es gibt keinen Überlebenden», zitierte die Zeitung «Le Figaro» den französischen Verkehrsstaatssekretär Alain Vidalies. Die Ursache des Absturzes ist völlig offen.

An Bord waren laut Germanwings insgesamt 144 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder. Unter den Absturzopfern sind viele Deutsche, darunter 16 Schüler und 2 Lehrer eines Gymnasiums im westfälischen Haltern. Sie waren auf dem Rückweg von einem Austausch in der Nähe von Barcelona, wie NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann sagte. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck äußerten sich tief erschüttert.

Bei dem Absturz rund 100 Kilometer nordwestlich von Nizza wurde die Maschine völlig zerstört. «Ich habe keinen Zweifel, dass das Flugzeug gegen die Felswand geprallt ist», zitierte die Zeitung «La Provence» einen Augenzeugen, der Trümmer von einem Gebirgspass aus gesehen habe. Die Wucht des Aufpralls mache wenig Hoffnung auf Überlebende, sagte Innenministers Bernard Cazeneuve.

«Entsetzliche Bilder in dieser Berglandschaft. Es bleibt nichts außer Trümmern und Körpern», twitterte Christophe Castaner, Abgeordneter der Region Alpes-de-Haute-Provence, der die Unfallstelle überflogen hatte.

Am späten Nachmittag waren über Hunderte Einsatzkräfte und rund ein Dutzend Hubschrauber und Militärflugzeuge an der Unglücksstelle nahe des kleinen Ortes Prads-Haute-Bléone im Einsatz, wie «Le Monde» berichtete. Eine Sporthalle des Bergortes Seyne-les-Alpes wurde nach einem TV-Bericht für die Aufbahrung von Opfern eingerichtet.

Deutschen Sicherheitsbehörden zufolge gibt es keinen Hinweis auf einen terroristischen Anschlag. Auch das Weiße Haus geht von einem Unfall aus: «Es gibt derzeit keine Anzeichen für einen Zusammenhang mit Terrorismus», sagte eine Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats der Deutschen Presse-Agentur in Washington.

Kanzlerin Merkel zeigte sich tief betroffen: «Der Absturz der deutschen Maschine mit über 140 Menschen an Bord ist ein Schock, der uns in Deutschland - und der Franzosen und Spanier - in tiefe Trauer stürzt», sagte die Bundeskanzlerin. Sie betonte, es gebe noch nicht viele Informationen über die Ursache des Absturzes: «Jetzt ist die Stunde, in der wir alle große Trauer empfinden.» Das Ausmaß des Leides sei unermesslich. Merkel wollte am Mittwoch zur Absturzstelle reisen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Verkehrsminister Alexander Dobrindt kamen am späten Dienstagnachmittag in Marseille an und sollten von dort zur Absturzstelle weiterreisen.

Bundespräsident Joachim Gauck sagte angesichts der Katastrophe seine Südamerikareise ab: «Ich bin weit weg von Ihnen kilometermäßig und ganz nah bei Ihnen mit meinen Gefühlen und meiner Trauer», sagte er. Die Bundesregierung und das Luftfahrtbundesamt richteten Krisenstäbe ein.

Am Flughafen Düsseldorf löste die Nachricht vom Absturz Schock, Entsetzen und Trauer aus. An der VIP-Lounge, die der Flughafen für Angehörige und Seelsorger zur Verfügung stellte, kamen Angehörige mit völlig verweinten Augen an. Von einem «rabenschwarzen Tag für den Flugverkehr» sprach Airport-Sprecher Thomas Kötter.

Die Ursache für den Absturz dürfte erst in einigen Wochen geklärt sein, wie Luftfahrt-Analyst Thomas Saquer von der Unternehmensberatung Frost & Sullivan sagte. Die Maschine scheine schnell an Höhe verloren zu haben, sagte Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt dem Sender N-TV. Die Auswertung von Radardaten zeige, dass es «vielleicht» ein technisches Problem gegeben habe. «Was das aber im Einzelnen ist, da gibt es überhaupt keinen Hinweis.» Meteorologen zufolge herrschte in der Region zum Absturzzeitpunkt gutes Wetter.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr zeigte sich tief erschüttert. «Wir sind in Gedanken bei denen, die heute Menschen, die sie lieben, verloren haben», sagte er vor Journalisten in der Frankfurter Unternehmenszentrale. Laut der Datenbank der privaten Flight Safety Foundation hatte Lufthansa neun Flugzeugunfälle mit zusammen 157 Todesopfern zu beklagen - bis zum Dienstag.

Germanwings kündigte rasche Hilfe an. «Germanwings wird alle Kräfte aufbieten, um allen Betroffenen schnell und unbürokratisch zu helfen und ihnen ihr schweres Schicksal zu erleichtern, so gut es irgend geht», sagte Geschäftsführer Oliver Wagner. «Das Geschehene tut uns unendlich leid.»

Germanwings betonte, das abgestürzte Flugzeug sei mit aktuellster Computertechnik ausgestattet gewesen. Ein Technik-Problem, wie es kürzlich bei einer Lufthansa-Maschine aus derselben Airbus-Familie bekanntgeworden war, sei daher bei dem Unglücksflieger nicht zu erwarten, sagte der Leiter des Flugbetriebs, Stefan-Kenan Scheib.

Der Flugzeugbauer Airbus erklärte, man werde den Angehörigen jede erdenkliche Hilfe anbieten. Derzeit konzentriere sich alles auf eine Aufklärung der Lage, sagte sagte Sprecher Stefan Schaffrath.

In Haltern wurde das Joseph-König-Gymnasium, wo 18 der Unglücksopfer zur Schule gingen und arbeiteten, am Mittag geschlossen. In der Schule wurde ein Krisenstab gebildet, Polizei und Feuerwehr fuhren vor. Notfallseelsorger waren im Einsatz, Schüler legten Blumen nieder.

Bis zu diesem Dienstag habe es einen einwöchigen Gegenbesuch von Schülern der 10. Klasse in der Nähe von Barcelona gegeben, erklärte die Schule im Internet. «Das ist eine Austauschreise eines Spanischkurses, die jetzt auf dem Rückflug waren, nachdem sie wahrscheinlich eine schöne Zeit in Spanien hatten», sagte Schulministerin Löhrmann. «Das ist ganz tragisch, das ist ganz traurig, und das macht fassungslos.»

Unter den Opfern sind nach Angaben der Madrider Regierung auch viele Spanier. Auf der Passagierliste des Flugzeugs stünden 45 Reisende mit spanischen Nachnamen. Das spanische Königspaar felipe VI. und Letizia sagte seinen gerade begonnenen Staatsbesuch in Frankreich ab.

Französische Kommentatoren sprachen vom schwersten Flugunglück in Frankreich seit dem Concorde-Absturz am 25. Juli 2000. Auf dem Air-France-Flug 4590 war das Überschallflugzeug damals kurz nach dem Start vom Flughafen Paris-Charles de Gaulle abgestürzt, wobei alle 109 Insassen sowie vier Menschen am Boden ums Leben kamen.

Der Airbus A320 ist das erfolgreichste Airbus-Modell. Von dem Mittelstrecken-Jet sind weltweit fast 3700 Maschinen im Einsatz. Die jetzt abgestürzte Airbus-Maschine war mehr als 24 Jahre alt.

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