Gewalt im Jugendstrafvollzug: Fast jeder zweite Häftling schlägt zu

Düsseldorf (dpa/lnw) - Körperliche Gewalt kommt im Jugendstrafvollzug in Nordrhein-Westfalen häufiger vor als offiziell bekannt. Das zeigen erste Zwischenergebnisse einer Studie des Instituts für Kriminologie der Universität zu Köln, die dem WDR-Magazin Westpol vorliegen. Danach haben im vergangenen Jahr bis zu 45 Prozent der befragten Häftlinge angegeben, in den vergangenen drei Monaten einen anderen Häftling getreten, geschlagen oder auf andere Weise absichtlich körperlich verletzt zu haben. Berücksichtigen die Forscher auch Einschüchterungen und das Androhen von Gewalt, sind es sogar 60 Prozent, wie der Westdeutsche Rundfunk am Sonntag berichtete.

«Wir müssen davon ausgehen, dass Gewalt in all ihren Facetten alltägliche Erscheinung im Jugendstrafvollzug ist», sagte der Leiter der Studie, Prof. Frank Neubacher, dem WDR. Er will langfristig erforschen, wie sich die Haftdauer auf die Gewaltbereitschaft auswirkt.

Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) habe eingeräumt, dass die Spanne zwischen den Zahlen der Wissenschaftler und den offiziell gemeldeten Fällen groß sei, so der WDR weiter. Nicht jeder Fall von Gewalt werde auch tatsächlich gemeldet, sagte er dem Sender. «Das ist das Problem des Dunkelfeldes, das wir insgesamt in unserer Gesellschaft haben.» Man habe es aber mit einem Potenzial von jungen Menschen zu tun, die vorher schon extrem gewalttätig gewesen seien, betonte er. «Durch einfaches Wegsperren löst man das Problem nicht, und deshalb wollen wir unseren Vollzug auch mehr erzieherisch ausrichten.»

Laut Justizministerium haben die sieben Justizvollzugsanstalten mit Jugendstrafvollzug im Jahr 2011 sowie im ersten Halbjahr 2012 bei 1730 Inhaftierten insgesamt 158 Fälle körperlicher Gewalt gemeldet. Darunter fielen auch geringe Formen wie Schürfwunden und leichte Prellungen. Grobe Gewalt sei in nur fünf Fällen nachgewiesen worden.

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler 547 Häftlinge im Jugendstrafvollzug im Jahr 2011 vier Mal im Abstand von drei Monaten befragt. Dabei ging es nicht nur um körperliche sondern auch um verbale, psychische und materielle Gewalt.

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