Insektizide, Fallen, Geld oder Wildnis: Was rettet Wald?

Düsseldorf (dpa/lnw) - Die zunehmenden Waldschäden in Nordrhein-Westfalen beschäftigen am Mittwoch Experten in einer Anhörung des Düsseldorfer Landtags. Die Grünen und die AfD haben Vorschläge für Gegenmaßnahmen vorgelegt. Aus Sicht der Grünen muss der Umbau hin zu einer naturnahen ökologischen Waldbewirtschaftung die Antwort auf den Klimawandel sein. Die AfD fordert schnellstmöglich unbürokratische Direkthilfen für die Waldbauern. In schriftlichen Stellungnahmen an den Umweltausschuss des Landtags haben zahlreiche Sachverständige bereits Pro und Contra abgewogen.

KLIMAWANDEL: «Durch die ansteigenden durchschnittlichen Temperaturen und die zunehmende Trockenheit befinden sich unsere Wälder im extremen Klima-Dauerstress», stellen die Grünen in ihrem Antrag fest. Das Ausmaß nehme «in einer bisher nicht bekannten Intensität und Geschwindigkeit zu». Dies mache einen raschen und gezielten Waldumbau nötig. «Erste Schätzungen gehen davon aus, dass im Zuge der anhaltenden Trockenlage bis Ende 2020 etwa 25 000 Hektar Kahlflächen in NRW entstehen.»

Die AfD sieht dagegen keinen Anlass für einen Öko-Umschwung, sondern fordert Direkthilfen und mehr Geld für die notwendigen Reparaturen des wertvollen Waldbiotops. Aus ihrer Sicht ist aber «eine Vorhersage von Wetterextremen über längere Zeiträume im Voraus noch nicht möglich».

WALDFONDS: Die Grünen fordern die schwarz-gelbe Landesregierung auf, 400 Millionen Euro für einen «Waldfonds NRW» aufzulegen. Mit dem Geld sollen Privatbesitzern, die «freiwillig veräußern wollen», Waldflächen abgekauft werden, um sie anschließend naturnah zu bewirtschaften und als Gemeinschaftsbesitz in Waldgenossenschaften zu überführen.

Dazu gibt es aus dem Kreis der Betroffenen viel Gegenwind: Das Bündnis für Wald und Wild lehnt eine Verstaatlichung großer privater Waldflächen «durch die Hintertür» ab. Die Familienbetriebe Land und Forst NRW stellen fest: «Dem Landeswald geht es nicht besser als dem Privatwald.» Und der Waldbauernverband NRW sieht derzeit «bei den Waldbesitzern keine Anzeichen dafür, in großem Ausmaß Wald veräußern zu wollen».

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald NRW unterstützen dagegen eine «genossenschaftliche Waldsicherung». Der Anteil privaten Waldbesitzes in NRW ist nach Angaben des Umweltministeriums mit rund 63 Prozent oder 590 000 Hektar im Bundesvergleich außerordentlich hoch.

BORKENKÄFER:Die Borkenkäferplage besorgt alle Experten gleichermaßen. Die oppositionelle AfD fordert von der Landesregierung, «schon jetzt die Beschaffung von Käferfallen zu organisieren, damit sie vor der nächsten Vegetationsperiode im März vorrätig sind und aufgestellt werden können».

Die Experten beurteilen das kontrovers: «Borkenkäferfallen dienen in erster Linie Prognosezwecken», argumentieren die kommunalen Spitzenverbände. «Angesichts des unterhalb von 500 Höhenmetern nahezu flächendeckenden Befalls in Nordrhein-Westfalen bedarf es keiner weiteren Prognose.» Auch die Familienbetriebe sehen darin «kein ausreichendes Mittel, die Bäume zu schützen». Das Bündnis Wald und Wild hält die Fallen als Frühwarnsystem dagegen weiter für sinnvoll.

INSEKTIZIDE:Die AfD fordert, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu erleichtern. Die kommunalen Spitzenverbände halten dagegen: «Ein Insektizid-Einsatz in der Forstwirtschaft darf immer nur eine Ausnahme sein.» Die bisherigen Vorschriften dürften nicht weiter aufgeweicht werden. «Keinesfalls dürfen neuartige Borkenkäferfangsysteme andere nützliche Insekten töten.» Die Grünen führten eine Studie an, wonach die Gesamtmasse der Insekten sogar im Wald innerhalb der vergangenen zehn Jahre um 40 Prozent zurückgegangen sei. Kritisch sieht das auch das Bündnis Wald und Wild.

Der Waldbauernverband unterstützt dagegen den Vorstoß der AfD. Die Landesregierung solle sich auf Bundesebene dafür einsetzen, dass in diesem Jahr auslaufende Zulassungen für verschiedene Pflanzenschutzmittel verlängert würden. Auch eine zentrale Beschaffung von Fangsystemen könne sinnvoll sein.

WILDNIS: Die Grünen schlagen vor, weitere Wildnisgebiete auszuweisen. Auch das Bündnis für Wald und Wild wäre dafür, einen Teil der Schadflächen der «natürlichen Wiederbewaldung zu überlassen» und jagdfreie Wildruhezonen zu schaffen. Der Waldbauernverband hält dagegen: «Wildnisgebiete sind kein Wert an sich.» Eine Max-Planck-Studie belege, «dass nachhaltige Wirtschaftswälder das Klima besser schützen».

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