Hütters scharfe Kritik: «Das hat mit Niveau nichts zu tun»
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War genervt vom Verhalten von Bremens Trainer Florian Kohfeldt (l): Eintracht-Coach Adi Hütter (r). Foto: Carmen Jaspersen/dpa
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Bremen (dpa) - Eigentlich ist Adi Hütter einer der ruhigeren Trainer der Fußball-Bundesliga. Besonnen im Umgang, sachlich in der Ansprache.

Es muss also viel passiert sein, dass dem Chefcoach von Eintracht Frankfurt während und nach der 1:2 (1:0)-Niederlage bei Werder Bremen derart «der Kragen platzte», wie er es selbst nannte.

Das Ende der stolzen Frankfurter Erfolgsserie war natürlich ein Grund dafür. Elf Ligaspiele nacheinander hatte die Eintracht vor dieser Partie nicht verloren. Die vorangegangenen fünf Spiele wurden sogar allesamt gewonnen. «Jetzt zeigt sich, welchen Charakter die Mannschaft hat», sagte Hütter. «Wenn man glaubt, man kann durch die Bundesliga spazieren, wird es schwierig. Ich hoffe, dass wir auf die Niederlage eine Reaktion zeigen.»

Dass der Österreicher aber auch noch mehrfach mit seinem Kollegen Florian Kohfeldt aneinander geriet und sogar das Verhalten der Bremer an sich anprangerte («Hier ist es immer speziell. Das hat mit einem Niveau nichts zu tun.»), lässt sich nicht nur mit diesem sportlichen Rückschlag erklären. Vielmehr erhob Hütter die gleichen Vorwürfe, die schon sein Landsmann Oliver Glasner vom VfL Wolfsburg in der vergangenen Saison plakativ ansprach: Dass nämlich im Weserstadion nicht auf der Ersatzbank, sondern auf den Plätzen dahinter, ein ziemlich unflätiger Ton bei den Teammanagern und -betreuern herrsche und dass von dort aus permanent auf die Schiedsrichter und Gegner eingewirkt werde. «Davon habe ich mich anstecken lassen», sagte Hütter. Und das zog dann immer größere Kreise.

Noch während des Spiels sah der 51-Jährige die Gelbe Karte. Nach dem Schlusspfiff gerieten dann erst Kohfeldt und Frankfurts Sportdirektor Bruno Hübner aneinander, ehe der Eintracht-Verteidiger Martin Hinteregger und der Werder-Stürmer Niclas Füllkrug beinahe sogar handgreiflich geworden wären. «Ich hatte das Gefühl, dass es die Bremer sehr auf Hinteregger abgesehen hatten», sagte Hütter. Denn der hatte im vergangenen Herbst in einem Podcast den Werder-Stürmer Davie Selke provoziert («Was bist du eigentlich für einer?»).

Diesen Vorwurf wies Kohfeldt genauso entschieden zurück wie auch alle anderen Aussagen Hütters. «Ein Verein wie Eintracht Frankfurt: Der ist so geil. Aber wir müssen doch alle in der Lage sein, ein Fußballspiel zu spielen und uns danach die Hand zu schütteln», sagte der Bremer Trainer. «Es gibt halt mal die eine oder andere Aussage. Aber man muss auch mit Anstand verlieren können.» Beleidigungen hätte es auch von der Frankfurter Bank gegeben. «Jeder muss sich selber hinterfragen, welche Wortwahl er heute gefunden hat», sagte Kohfeldt.

Ein Problem dieses hitzigen Spiels war, dass dem Schiedsrichter Robert Hartmann aus Wangen die Leitung zusehends aus der Hand glitt. Schon das Frankfurter Führungstor durch André Silva (9. Minute) hätte nicht zählen dürfen, weil dem 19. Saisontreffer des Portugiesen ein unberechtigter Eckball vorausging. Der Ausgleich von Theodor Gebre Selassie (47.) wurde erst nach dem Eingriff des Video-Assistenten gegeben, das stark abseitsverdächtige 2:1 von Joshua Sargent (62.) noch einmal überprüft. Am Ende hatte der Referee kaum noch eine Autorität über das Geschehen, alles wurde diskutiert und kommentiert.

«Wir haben ein Spiel, das wir eigentlich in der Hand hatten, aus der Hand gegeben», monierte Hütter. «Werder war eklig, sie waren unangenehm - und wir sind ihnen in die Falle gegangen.»

Das, was am Freitagabend in Bremen passierte, ist die Prüfung für jede Mannschaft, die wie auf einer Welle an die Spitze der Liga gespült wurde: Wie reagiert man, wenn der Widerstand wächst? Wenn etwas nicht so läuft, wie erwartet? «Heute hat bei uns alles gefehlt. Die Niederlage ist sehr bitter», sagte der Frankfurter Kapitän Makoto Hasebe. Von einem Charaktertest vor dem nächsten Spiel gegen den VfB Stuttgart wollte der Japaner aber anders als sein Trainer nicht sprechen: «Wir sind weiter oben dran.»

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