Löw will den Zehner - «Seriös» gegen Belgien

Istanbul (dpa) - Joachim Löw lässt nicht locker - jetzt will der 50-Siege-Bundestrainer nach dem 3:1 (1:0) bei den Türken auch noch das i-Tüpfelchen auf eine europameisterliche Qualifikation.

Nach dem Qualitätsnachweis am Bosporus gegen desillusionierte Türken gab der Chef noch vor dem Heimflug aus Istanbul den Quali-Rekord als neue Parole aus. «Wir sind im Wettbewerb, wir werden kein Spiel abschenken. Wir wollen auch das zehnte Spiel gewinnen», verkündete Löw mit Blick auf die Partie in Düsseldorf gegen Belgien.

Im Fernduell der Belgier (15 Punkte) mit den Türken (14) um den wichtigen zweiten Platz werde man als Gruppendominator auch am letzten Spieltag seinen Job «absolut seriös» erledigen, versicherte Löw. Und das, egal mit welcher Formation: «Es kann sein, dass es den einen oder anderen Wechsel gibt, klar. Aber wir wollen nicht die gesamte Mannschaft austauschen.»

Türken-Coach Guus Hiddink ist von der nötigen Schützenhilfe total überzeugt: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland Punkte abgibt. Wir müssen Aserbaidschan schlagen, dann sind wir Zweiter.»

Und dennoch sind die Türken Welten entfernt von Gruppensieger Deutschland, der auch ohne verletzte Leistungsträger wie Mesut Özil und Miroslav Klose eine weitere Reifeprüfung bestand - und das sogar ohne den Zwang zum Erfolg. «Kompliment an die Mannschaft, dass sie dieses Spiel so angenommen hat», lobte Löw.

Der Bundestrainer hatte vor dem 50. Sieg im 72. Länderspiel unter seiner Regie die Spieler «mehrfach darauf hingewiesen, dass das hier keine Kaffeefahrt ist», wie Mario Gomez verriet. Am Abend der Bayern-Spieler ebnete der Klose-Vertreter den Weg zum Sieg mit Tor Nummer eins (35. Minute). Seine Vereinskollegen Thomas Müller (66.) und Bastian Schweinsteiger (86./Foulelfmeter) legten nach. Als vierter Münchner Hauptdarsteller trumpfte Manuel Neuer auf: Gleich zu Beginn gelang ihm eine Weltklasseparade beim Außenristschuss von Hamit Altintop: «Hamit kenne ich ja noch aus Schalker Zeiten.»

Bei den ersten zwei «überragenden Kontertoren» (Mario Götze) ersetzte Neuer mit einem weiten Abwurf und einem langen Pass auch noch Özil als Spielmacher. «Das ist sein Spiel, das macht Manuel so wertvoll auch für die Offensive», lobte Löw. Auch an Schweinsteiger verteilte er eine Bestnote für dessen «Dominanz und Hoheit» als Mittelfeldchef. Der «brandgefährliche Müller» war zudem an allen vier Toren beteiligt - leider auch am Anschlusstreffer der Türken durch Hakan Balta (79.), wie Löw anmerkte. «Da war ich zu faul. Da wird es noch einen Arschtritt geben - von mir selber», bemerkte der 22-Jährige selbstkritisch.

Viel zu monieren gab es ansonsten nicht, abgesehen von der zu geringen Torausbeute. Löws frische, harmonische und spielfreudige «Boy Group» hat acht Monate vor dem EM-Ernstfall ein Qualitätsniveau erreicht, dass die Titelhoffnungen schürt. «Die Mannschaft ist mittlerweile soweit, dass sie solche Spiele mit Souveränität absolviert», betonte Gomez. Nur Vize-Weltmeister Niederlande (9 Siege) sowie Welt- und Europameister Spanien (7 Siege) stehen ebenso makellos da in der Qualifikation. «Mit Deutschland waren das die konstantesten Nationen in den letzten Jahren», bilanzierte Löw.

Jugend forsch ist das Gütesiegel und Löws Erfolgskonzept: «Man hat mit jungen Spielern mehr Möglichkeiten. Dynamik, Technik und Qualität kommen für mich vor Routine oder Erfahrung, weil das Spiel schnell wird. Und schnell spielen wollen die Jungen gerne.»

Auch Lücken können inzwischen geschlossen werden: Götze für Özil, Gomez für Klose - dazu wird Rückkehrer Sami Khedira von Toni Kroos bedrängt, ebenso Lukas Podolski von André Schürrle. Hinten muss sich selbst Abwehrchef Per Mertesacker neu beweisen. «Wir müssen uns keine Sorgen machen, wenn einer mal ausfällt», stellte Müller fest. Der von Löw begrüßte «positive Konkurrenzkampf» treibt alle an, wie das Paradebeispiel Klose/Gomez zeigt. «Es ist doch schön, wenn wir zwei gute Stürmer haben», sagte Gomez. Er traf in der Qualifikation fünfmal, Klose neunmal.

Auch gegen Belgien wird Klose (Knieprellung) wohl ausfallen. Bei Özil (Achillessehnenreizung) besteht dagegen Hoffnung, berichtete Löw. Den Verzicht auf den türkischstämmigen Real-Star Özil in Istanbul verteidigte der Bundestrainer vehement: «Auf Biegen und Brechen etwas zu riskieren, wäre absoluter Blödsinn gewesen.»

Gegen Belgien sollen Toni Kroos (nach Grippe) und U-21-Akteur Ilkay Gündogan den Kader ergänzen. Der 20 Jahre alte Dortmunder könnte sogar das Glück von Marco Reus teilen. Der Gladbacher feierte endlich sein Länderspieldebüt - in der 90. Spielminute.

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