Ullrich wartet weiter - Zweites Urteil im Januar

Lausanne (dpa) - Verwirrung im Fall Jan Ullrich. Der einzige deutsche Tour-de-France-Gewinner muss bis zum nächsten Jahr auf den Abschluss seines CAS-Prozesses im Zusammenhang mit der Doping-Affäre Fuentes warten.

«Ich bin sehr enttäuscht, dass ich weitere sechs Wochen warten muss», sagte der vor vier Jahren und zehn Monaten als Radprofi zurückgetretene Ullrich der Nachrichtenagentur dpa. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hatte die seit 20 Monaten laufende Causa gegen den inzwischen 37-jährigen Wahlschweizer überraschend in zwei Verhandlungsabschnitte aufgeteilt.

Im ersten Fall, der Auseinandersetzung zwischen der Schweizer Anti-Doping-Agentur Swiss-Anti-Doping und dem Ex-Radprofi, erklärte sich die höchste sportjuristische Instanz in Lausanne für «nicht zuständig». Sie wies den Fall ab. Die Kammer begründete diese Entscheidung in 69 Punkten.

Ullrich wertete diese Einschätzung «als kleines positives Zeichen, das auch Auswirkungen auf den zweiten Verhandlungsabschnitt haben könnte». Im zweiten Abschnitt vor dem CAS wird der Fall Ullrich gegen den Weltverband UCI und den Schweizer Radsport-Verband Swiss Cycling verhandelt. Ein Urteil soll laut CAS in sechs Wochen vorliegen. Ullrich riskiert eine lebenslange Sperre für alle Tätigkeiten im Profiradsport-Bereich.

Die UCI hatte den CAS im März 2010 angerufen, nachdem der Schweizer Verband als ehemaliger Lizenzgeber für Ullrich die Ermittlungen gegen den einstigen T-Mobile-Star einen Monat zuvor eingestellt hatte. Zur UCI als Kläger hatte sich danach auch Swiss-Anti-Doping gesellt. Die Anti-Doping-Agentur im Nachbarland hatte sich erst 2008, lange nach der Lizenzrückgabe durch Ullrich gegründet.

Bis zu seinem Austritt aus dem Verband im Oktober 2006 war der gebürtige Rostocker, der nach wie vor in Scherzigen in der Schweiz wohnt, Lizenznehmer im Nachbarland. Die von der Bonner Staatsanwaltschaft nachgewiesenen Verbindungen zwischen Ullrich und dem mutmaßlichen Doping-Doktor Eufemiano Fuentes, dem in seinem Heimatland jetzt der Prozess gemacht wird, betreffen die Jahre 2003 bis 2006. Mit der von Juristen diktierten Formulierung «Ich habe nie jemanden betrogen» bestreitet Ullrich Doping noch immer.

Der Ex-Radprofi steht nach den Worten seines neuen Managers Falk Nier vor dem «Neustart in die zweite Karriere», der von der längst überfälligen Doping-Beichte flankiert werden könnte. Auf jeden Fall ist die Zeit überfällig, Klartext zu reden. Das haben wohl auch Ullrich, der sich im Laufe des Jahres nach überstandener Burnout-Erkrankung langsam aus der selbst gewählten Isolation herausgewagt hatte, und seine Entourage erkannt.

Eine nach dem CAS-Urteil angekündigte Erklärung werde es vorerst allerdings nicht geben, erklärte Nier. «Weitere Planungen stecken wir jetzt erst einmal zurück. Wir halten bis zum zweiten Urteil die Füße still.»

Ullrichs einstige Teamkollegen Rolf Aldag, Erik Zabel und Bjarne Riis haben Doping zu Telekom- und T-Mobile-Zeiten längst zugegeben. Gegen seinen bei der Tour stets überlegenen, langjährigen Rivalen Lance Armstrong wird seit vergangenem Jahr in den USA ermittelt.

Jan Ullrich: Die juristischen Auseinandersetzungen:

30. Juni 2006: Einen Tag vor Beginn der Tour wird Ullrich von seinem Rennstall T-Mobile suspendiert. Er soll in die Doping-Affäre um den spanischen Gynäkologen Eufemiano Fuentes verstrickt sein.

Juli 2006: Die Rechtsprofessorin Britta Bannenberg stellt bei der Staatsanwaltschaft Bonn Strafanzeige gegen Ullrich wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Ermittlungen werden eingeleitet. Zuvor hatte das T-Mobile-Team den Vertrag mit Ullrich gekündigt.

August 2006: Der Molekularbiologe und Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke behauptet, Ullrich habe 35 000 Euro für Dopingmittel an Fuentes bezahlt - ein Jahr später spricht er sogar von 120 000 Euro. Gegen die Behauptung erwirkt Ullrich eine einstweilige Verfügung vor dem Landgericht Hamburg.

Februar 2007: Ullrich gibt in Hamburg auf einer bizarren Pressekonferenz seinen Rücktritt bekannt. Er bestreitet weiter alle Doping-Vorwürfe.

April 2007: Nach einem DNA-Abgleich weist die Staatsanwaltschaft Bonn Blutbeutel, die bei Fuentes gefunden worden waren, eindeutig Jan Ullrich zu.

April 2008: Die Staatsanwaltschaft Bonn stellt die Ermittlungen gegen Ullrich wegen Betrugs ein. Im Gegenzug zahlt Ullrich 250 000 Euro für gemeinnützige Zwecke.

Mai 2008: Eine Untersuchungskommission der Uni-Klinik Freiburg stellt systematisches Doping beim Rennstall Telekom und dessen Nachfolge-Team T-Mobile zwischen 1993 und 2006 fest.

November 2008: Ullrich behauptet bei seinem ersten Auftritt vor einem deutschen Gericht in Düsseldorf, nie gedopt zu haben. Indes entscheidet das Oberlandesgericht, dass Ullrich von seinem früheren Teamchef Günther Dahms (Coast) noch 340 000 Euro Gehalt erhalten muss. Das Geld wurde ihm wegen Dopingverdachts vorenthalten.

Februar 2010: In der Schweiz wird das Sportgerichtsverfahren gegen Ullrich, der im Nachbarland wohnt und die dortige Lizenz hatte, von der Dachorganisation Swiss Olympic eingestellt.

März 2010: Der Weltverband UCI erhebt vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS Einspruch gegen die Einstellung des Verfahrens gegen Ullrich.

Juli 2010: Ullrich-Intimus Rudy Pevenage gibt zu, Reisen für seinen ehemaligen Schützling zu Fuentes nach Spanien organisiert zu haben.

13. August 2010: Das Landgericht weist eine Unterlassungsklage von Ullrich gegen Franke zurück. Die Kammer entschied, dass die Behauptung Frankes, Ullrich habe Geld für Doping bezahlt, als «wahr anzusehen» sei.

22. August 2011: Der CAS will ein Urteil im Fall Ullrich über die Zuständigkeit des Schweizer Verbandes am 20. Oktober fällen.

20. Oktober 2011: Der CAS verschiebt die Entscheidung auf spätestens 30. November.

30. November 2011: Der CAS teilt überraschend mit, dass er den Fall Ullrich in zwei Verhandlungsabschnitte aufgeteilt hat. Im ersten Fall Ullrich gegen Swiss Anti-Doping erklärte sich die Kammer für «nicht zuständig». Ein Urteil im zweiten Fall Ullrich gegen UCI und Swiss Cycling soll in sechs Wochen gefällt werden.

CAS-Mitteilung

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