Analyse: Putin und Merkel begegnen sich als Profis

Berlin (dpa) - Es ist die Geschichte zweier mächtiger Politiker, deren Sympathie füreinander geringer sein mag als für das Land des anderen. Es ist die Verbindung des russischen Staatschefs und der deutschen Kanzlerin, die sich vielleicht nicht wirklich mögen, aber die Intelligenz des Gegenübers schätzen.

Es ist die Art von Wladimir Putin und Angela Merkel, sich über weltbewegende Ereignisse hart, aber doch irgendwie verbindlich auseinanderzusetzen. Und deswegen ist es in der Krim-Krise für alle Beteiligten wichtig, dass Merkel einerseits Putins militärisches Vorgehen auf der ukrainischen Halbinsel als Verstoß gegen das Völkerrecht geißelt und andererseits alle Wege der Diplomatie für eine friedliche Lösung bemüht.

Merkel weiß um die enormen Herausforderungen, die ein russischer Staatschef in einem Land dieser Größe, Geschichte und vielschichtigen Gesellschaft zu meistern hat. Das hindert sie nicht daran, Menschenrechtsverletzungen in Russland zu beklagen. Aber sie wirbt etwa im Kreis der sieben wichtigsten Industrienationen und Russland (G8) mitunter um Verständnis für russische Zwänge. Zuletzt ergab das eine Politik der sehr kleinen Schritte im Syrien-Konflikt beim G8-Gipfel im vorigen Sommer in Nordirland.

Dass die Vorbereitungen für den nächsten G8-Gipfel im Juni in Sotschi auf Vorstoß der USA wegen des Ukraine-Konflikts ausgesetzt wurden, ist für das Kanzleramt ein angemessenes Signal des Protestes. Doch richtig glücklich erscheinen Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) nicht darüber zu sein. Sie schätzen das G8-Forum als Möglichkeit, offen und in kleiner Runde mit Moskau zu sprechen. Die USA hingegen messen dem Treffen der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) inzwischen mehr Bedeutung bei als G8-Gipfeln.

Putin weiß um Merkels Macht in der internationalen Gemeinschaft. Russlandexperten in Berlin sagen, die Bundeskanzlerin sei für ihn eine wichtige Ansprechpartnerin, die er nicht verlieren wolle. Denn mit ihrer DDR-Biografie stehe sie Moskau viel näher als US-Präsident Barack Obama. Und schon rein sprachlich müssen Merkel und Putin keine Hürden überwinden. Sie spricht Russisch und der einst in der DDR als KGB-Agent eingesetzte Putin Deutsch.

Im politischen Berlin wird der Ukraine-Konflikt als dramatisch - aber noch nicht als kriegsgefährlich eingeschätzt. Putin werde nicht über die Krim hinaus Gebietsansprüche stellen, heißt es. Die Halbinsel ist Sitz der russischen Schwarzmeerflotte und steht seit dem Wochenende voll unter Kontrolle moskautreuer Kräfte. Es gibt Abspaltungsbestrebungen. Putin sei verärgert gewesen, wie der am 22. Februar gestürzte ukrainische Regierungschef Viktor Janukowitsch trotz aller finanzieller Unterstützung aus Moskau die Kontrolle verloren habe, heißt es in Berlin.

Nun komme es darauf an, für die Schwarzmeer-Halbinsel endgültig einen Status zu schaffen, der alle Seiten - Moskau, Kiew und die vielen prorussischen Krim-Bewohner - zufriedenstelle. Ob jetzt nicht lieber Putins Freund, Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), zwischen Russland und der Ukraine vermitteln solle, wird der Sozialdemokrat und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz am Montag gefragt. Schulz antwortet: «Wer auch immer seine Beziehungen spielen lassen kann, sollte es tun.» Das Wichtigste sei, dass Moskau und Kiew überhaupt wieder miteinander sprächen. Dabei gelte das Prinzip, «dass Leute, die miteinander reden, nicht aufeinander schießen».

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