Katastrophenforscher: Helfen ist cool

Berlin (dpa) - Mit dem Hochwasser kommt auch eine Welle der Hilfsbereitschaft: Tausende Freiwillige schleppen Sandsäcke und bauen Betten in Notunterkünften auf. Dazu beigetragen haben auch soziale Netzwerke wie Facebook.

Sie mobilisieren nicht nur jüngere Leute, die klassische Medien eher weniger erreichen. «Sie lassen das Helfen zusätzlich auch noch cool werden», sagte Martin Voss, der Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin, im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Der Einsatz am Deich werde zu einer Art Event, bei dem man, wie seine Freunde, dabeisein wolle.

Wie kommt es zu der großen Hilfsbereitschaft in den Hochwassergebieten?

Voss: «Wir haben die Bilder aus den Flutgebieten seit Tagen omnipräsent. Da hat man Zeit, sich damit auseinanderzusetzen und sich zu überlegen, wann man frei machen kann, um zu helfen. Hilfsbereitschaft ist eigentlich das Normale. Schwierig ist immer, die Frage, wann man Zeit und die Ressourcen findet, das umzusetzen. So ein langer Zeitraum bietet dafür halt mehr Möglichkeiten.»

Erzeugen Katastrophen ein Wir-Gefühl, das die Hilfsbereitschaft verstärkt?

Voss: «Katastrophen fördern prosoziales Verhalten. Das besagt auch die Forschung. In den Medien wird oft von Plünderungen und Paniken berichtet - Situationen, wo Menschen asozial werden, übereinander trampeln, ihren eigenen Nutzen maximieren wollen, eben sich nicht um das Wohl der anderen kümmern. Das kommt empirisch gesehen aber seltener vor. Bei Katastrophen helfen die Leute einander. Sie suchen geradezu danach.»

In den Medien gibt es viele Aufrufe zum Helfen. Mobilisiert das zusätzlich Menschen?

Voss: «Sicherlich die, die schon mit dem Gedanken spielen. Sie sehen, dass man mit Sandsäcken, mit einfachem Anpacken, helfen kann. Wenn dieses Bedürfnis geweckt ist, braucht es eine Infrastruktur: Wo kann ich mich informieren? Wo werde ich gebraucht? Wie komme ich da hin? Da helfen die Aufrufe in den Medien weiter.»

Wird das Helfen durch die sozialen Netzwerke zu einem Event, bei dem man nicht fehlen will - also Sandsäckefüllen statt Facebook-Party?

Voss: «Ganz bestimmt. Wir haben das beispielsweise in Passau gesehen, wo sich quasi die ganze Universität gegenseitig mobilisiert hat. Auf Facebook kennen sich die Leute untereinander und fühlen sich dadurch viel stärker angesprochen: "Wenn die anderen das machen, dann muss ich doch auch." Das sind Kommunikationsformen, die Leute spezifisch adressieren und dann mobilisiert das viel mehr.»

Sehen Sie im Vergleich zum Hochwasser von 2002 eine größere Hilfsbereitschaft?

Voss: «Die hat tatsächlich nochmals zugenommen - und zwar aus zwei Gründen. Erstens, hat man die Erfahrungen von damals noch so präsent. Da sind schon Leute hingefahren und haben gesehen, dass ihre Hilfe konkret was bringt. Diese Erfahrung steckt noch in der Generation drin und wird auch an die Jüngeren weitergereicht. Das andere sind die sozialen Netzwerke, die die Hilfsbereitschaft anheizen. Sie lassen das Helfen zusätzlich auch noch cool werden.»

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