Bitterböse Oper über Nazi-Germanisten bejubelt

Heidelberg (dpa) - Beklemmende Ironie und bitterböse Satire bestimmten am Samstagabend die Uraufführung der Oper «Der tausendjährige Posten oder der Germanist» am Theater Heidelberg.

In dem mit sehr viel Beifall bedachten Musiktheater wurden zwei Singspiele und Musik von Franz Schubert (1797-1828) raffiniert mit Zeitgeschichte kombiniert. Das Libretto von Irene Dische und der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek griff die unglaubliche Lebensgeschichte des 1999 gestorbenen Germanisten Hans Ernst Schneider alias Hans Schwerte auf.

Manchmal überholt die Wirklichkeit die Fantasie: Der richtige Hans Ernst Schneider war für die Nazis in verschiedenen Funktionen tätig. Nach Kriegsende besorgte er sich 1945 neue Papiere. Von seiner Ehefrau ließ er sich für tot erklären. Unter dem neuen Namen Hans Schwerte heiratete er dann seine eigene «Witwe» wieder. In der Folge studierte er nochmals Germanistik und wurde später Professor in Erlangen und Aachen.

An der Technischen Hochschule Aachen war der als progressiv-linksliberal und ideologiekritisch geltende Wissenschaftler von 1970 bis 1973 sogar Rektor. Erst 1995 wurde seine frühere Existenz nach Recherchen eines holländischen TV-Senders publik.

Der für ihn stehende Protagonist «Prof. Dr Hans Schall / SS-Hauptsturmführer Schaal» wird auf der Bühne gleichzeitig gekonnt von dem Schauspieler Dietmar Nieder und dem Tenor Winfrid Mikus verkörpert. Auch die mitwissende Ehefrau «Lieschen» ist in einem biederen Bühnenbild aus 1950er-Jahre-Wohnung, röhrendem Hirsch-Modell und hölzern-trister Uni-Aula (Anne Neusser) doppelt besetzt.

Die frühromantische Musik Schuberts und immer wieder geschickt eingestreute Solo- und Chorpartien wirken dabei als demaskierende Gesellschaftskritik. Eine singende Journalistenmeute beginnt die dunklen Jahre des Wissenschaftlers zu durchlöchern. Dabei kommt heraus, dass der Germanist das Manuskript seines später hochgelobten Buches als SS-Mann bei einer Hausdurchsuchung einem jüdischen Wissenschaftler entwendete. Bei der Neuinszenierung seines Lebens muss er dann auch ein Helfer-Netzwerk gehabt haben. «Hab statt der Pistole ein Buch genommen und mich nie mehr danebenbenommen», sagt der Professor, der am Ende ungeschoren davon kommt.

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