MAN bringt neue Lkw-Generation
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Joachim Drees, Vorstandschef von MAN, steht neben einem neu entwickelten Lastwagen. Die neuen Lkw verbrauchten bis zu 8 Prozent. Foto: Juan Carlos Rojas/dpa
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München/Bilbao (dpa) - Nach 20 Jahren bringt der Lkw-Bauer MAN eine komplett neue Lastwagen-Generation auf den Markt. «Die gesamte Modellpalette auf einmal», wie Vorstandschef Joachim Drees in Bilbao sagte.

Es ist, als würde VW den Golf, den Polo und den Passat auf einmal erneuern. Spediteure und Transportunternehmer aus ganz Europa kamen zur Vorstellung in die spanische Hafenstadt.

Der Zeitpunkt für die Modellwechsel ist auf den ersten Blick ungünstig: Die Konjunktur schwächelt, MAN streicht Schichten und schickt Leiharbeiter nach Hause. «Wir rechnen damit, dass die Lkw-Nachfrage in Europa dieses Jahr um 10 bis 20 Prozent sinkt», sagte Drees. Aber die Branchenexperten der Schweizer Bank UBS erwarten, dass MAN mit dem Modellwechsel Marktanteile gewinnen kann. Und in den kommenden 20 Jahren soll das Transportvolumen in der EU um 40 Prozent zulegen.

Hier verkauft MAN den größten Teil seiner Lastwagen und ist mit 17 Prozent Marktanteil Nummer zwei hinter Mercedes. «Wir wollen den Marktanteil steigern mit dem neuen Lkw - aber nicht um jeden Preis», sagte Drees: «Nur wenn es auch profitabel ist.»

Autokäufern ist das Aussehen und der Kaufpreis ihres Fahrzeugs wichtig. Ein Transportunternehmen dagegen muss Geld damit verdienen und schaut vor allem auf die Kosten über die gesamte Laufzeit, wie Martin Bulheller vom Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) erklärt. Hier will MAN punkten.

Die neue Lkw-Generation der Münchner verbraucht bis zu acht Prozent weniger Sprit - durch einen Dieselmotor mit neuer Software, bessere Aerodynamik und digitale Hilfen für eine effizientere Fahrweise. Dazu kommt, dass die Wartung durch neue Bauteile und Vernetzung mit Zentrale und Werkstatt einfacher und schneller wird - auch das spart Betriebskosten. Updates für neue digitale Dienste erfolgen unterwegs.

Die Gesamtkosten sind inzwischen jedoch nicht mehr der einzige Maßstab, sagt Bulheller. Die Fahrer haben heute ein gewichtiges Wort mitzureden. Denn allein in Deutschland fehlen in den kommenden zwei Jahren 150.000 Berufskraftfahrer. «Früher hatten viele Transportunternehmen eine einzige Marke. Heute sind die Fuhrparks bunt gemischt. Durch den Fahrermangel ist da Bewegung reingekommen», sagt Bulheller. Ein Fahrer könne heute sagen: «Ich komm' zu dir, wenn du mir einen Scania hinstellst.» Oder einen Mercedes, Volvo, DAF oder MAN: «Jede Marke hat ihre Fans.»

Um aus erster Hand zu erfahren, wie der ideale Arbeitsplatz und Lebensraum im Lkw aussehen muss, besuchten die MAN-Entwickler Autohöfe und Rastplätze und zeigten 700 Fahrern verschiedene Prototypen. Das Feedback der Profis und ihre persönlichen Wünsche sei direkt in neuen Baureihen eingeflossen. Der Fahrer «sitzt wie in einem Pkw, die Bedienung ist einfach und klar, der Wohnkomfort ist fast wie daheim», sagte Drees.

Anders als im Mercedes-Actros gibt es im neuen MAN-TGX weiter Außenspiegel statt Außenkameras. Viele Knöpfe und Schieberegler wurden bewusst belassen, nicht aufs Display verlegt. Spurwechsel- und Stauassistent sollen den Fahrern das Leben erleichtern und für mehr Sicherheit sorgen - ebenso wie ein Abbiege-Assistent ab Werk, der Radler und Fußgänger schützen soll. Er ist aber nicht serienmäßig.

Der neue MAN-Truck fährt mit Diesel, aber alle neuen Antriebe könnten leicht integriert werden. Die EU verpflichtet die Lkw-Bauer, den CO2-Ausstoß bis 2025 um 15 Prozent zu senken. Sonst drohen Strafzahlungen. «Um die EU-Vorgaben 2025 voll zu erfüllen, brauchen wir E-Fahrzeuge. Wir entwickeln gerade eine E-Generation bis 26 Tonnen für den Werks- und städtischen Verteilerverkehr», sagte Drees.

Die Unternehmensberatung BCG erwartet, dass bis 2030 auch schwere E-Lastwagen auf die Straße kommen. Drees ist skeptisch: «Batteriebetriebene E-Lastwagen im Fernverkehr sehen derzeit wir noch nicht», sagte er. «Auf den Rasthöfen geht es heute schon drunter und drüber. Schwer vorstellbar, wie dort die Ladeinfrastruktur aufgebaut werden soll. Wasserstoff wäre jedoch eine Möglichkeit im Fernverkehr, mit E-Motor und Brennstoffzelle oder als Wasserstoff-Verbrenner.»

Gebaut werden die neuen MAN-Lastwagen im Stammwerk München, Steyr, Krakau und später auch in St. Petersburg. Die Motoren kommen aus Nürnberg. Weit mehr als 6000 Beschäftigte arbeiteten an den neuen Trucks, Tendenz steigend, teilte das Unternehmen mit.

MAN hat 2018 gut 95.000 Lastwagen verkauft - die allermeisten in Europa - und damit 9,1 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Mit dem schwedischen Hersteller Scania und der südamerikanischen VW Caminhoes gehört MAN zur VW-Tochter Traton, In den beiden größten Lkw-Märkten, China und USA, ist MAN nicht unterwegs. Traton ist in China nur am Hersteller Sinotruk beteiligt. In den USA will Traton den US-Hersteller Navistar komplett übernehmen.

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Die entwickelte Lastwagen von MAN sollen bis zu 8 Prozent weniger Sprit verbrauchen. Foto: Juan Carlos Rojas/dpa
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