Borgholzhausen: Kita-Kind zu hart bestraft


In einer Kita in Borgholzhausen ist ein Junge mehrfach in einen Waschraum geschickt worden. Nun sind drei Mitarbeiterinnen entlassen worden.

Erst von der Arbeit freigestellt und dann gekündigt: Das DRK, das Träger der Kita Brummihof im interkommunalen Gewerbegebiet Borgholzhausen/Versmold in Pium ist, hat drei Erzieherinnen entlassen. Sie sollen sich unverhältnismäßig gegenüber einem fünfjährigen Kind verhalten haben. Die drei Frauen sehen das anders. Foto: Münstermann

Borgholzhausen (gl) - Das Deutsche Rote Kreuz, Betreiber der Borgholzhausener Kindertageseinrichtung Brummihof, hat drei pädagogische Mitarbeiterinnen der Kita von sämtlichen dienstlichen Pflichten entbunden und bis auf Weiteres freigestellt. Mittlerweile sind die Frauen gekündigt worden. 

Keine Strafanzeige gestellt

Mit dieser Personalentscheidung habe der DRK-Kreisverband umgehend auf einen anonymen Hinweis reagiert, heißt es in einer Erklärung. Dem Hinweis nach sollen sich die drei betreffenden Mitarbeiterinnen über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten gegenüber einem fünfjährigen Kind in pädagogisch unverantwortlicher Weise verhalten haben. Zweifelsfrei erwiesen sei zum jetzigen Zeitpunkt, dass die Ereignisse keinen sexuellen Hintergrund haben, teilte das DRK mit. Mittlerweile habe man die Vorwürfe intensiv geprüft und der Kita-Leiterin und zwei Mitarbeiterinnen gekündigt. Strafanzeige habe der Träger nicht gestellt. Ihm sei auch keine Strafanzeige der Eltern oder von anderen Personen aus dem Kita-Umfeld bekannt. 

Die Mitarbeiterinnen verstehen indes die Welt nicht mehr: Nicht nur, dass sie von einem auf den anderen Tag suspendiert worden sind, weil sie ein besprochenes pädagogisches Konzept konsequent angewendet haben, sondern sie sehen sich ohne eigenes Verschulden auch öffentlich an den Pranger gestellt. Im Beisein ihrer Anwältin Susanne Bender (Kanzlei Burgmans) schilderten sie – Kita-Leiterin Sara Schürmann und zwei Erzieherinnen, die anonym bleiben wollen – nun ihre Sicht der Dinge. 

„Kind und Familie sind Kreisjugendamt bekannt“

Seit März ist der Junge in der Kita Brummihof. „Er ist ein herausforderndes Kind“, sagt Sara Schürmann. Das hätten die Eltern auch bei der Anmeldung deutlich gemacht. „Kind und Familie sind dem Kreisjugendamt bekannt. Das Kind ist zudem in therapeutischer Behandlung“, berichtet sie. Der Junge sei aggressiv, trete, spucke andere an, schlage um sich – und auch seine Erzieherinnen. „Es hat drei große Dienstbesprechungen gegeben, wie wir mit dem Kind umgehen können“, so Sara Schürmann. 

Wenn ein Kind so hoch eskaliere, dann brauche man richtig gute und erfahrene Erzieherinnen und ein gutes Konzept. Das habe die Kita Brummihof mit dem sogenannten Step-Programm. Dabei wird in fünf Schritten versucht, ein Kind, das außer sich ist, zu beruhigen. Das Kind wird dabei aus der aktuellen Situation herausgenommen – mit immer größerer räumlicher Distanz zu anderen. Es bleibt erst allein auf seiner Decke, auf dem Sofa in der Gruppe, es wechselt den Raum, es bleibt auf dem Flur oder – wenn es in die höchste Eskalationsstufe rutscht – im Waschraum. Das sei kein Wegsperren, machen die Erzieherinnen deutlich. Der Raum werde nicht abgeschlossen, er sei einsehbar durch zwei Fenster, und das Kind könne jederzeit herausgehen. „Es ist vor allem ein reizarmer Raum. Der Junge hat auch nicht geweint, wenn er im Waschraum war, sondern er hat weiter getobt“, schildert eine der Erzieherinnen.

Fürsorgepflicht anderen Kindern gegenüber

Die Kita-Leiterin macht zudem die Fürsorgepflicht den anderen Kindern gegenüber deutlich: „Ich muss ein Kind beruhigen und habe aber noch 21 andere zur Betreuung, um die ich mich angemessen kümmern möchte.“ Diese müsse sie auch schützen. 

Alle drei Erzieherinnen halten folgendes fest: Die Konsequenz ihres Verhaltens habe den Jungen weitergebracht, weil er sich darauf habe einlassen können. Er sei auf einem positiven Weg gewesen und habe sich in die Gruppe integrieren lassen. „Das Step-Programm ist ein sehr wertschätzendes Konzept“, sagt Sara Schürmann. „Kein anderes Kind hat auch so viel positive Aufmerksamkeit bekommen“, so eine Erzieherin. Denn Lob gehört auch mit zum Konzept. 

Von Elternseite habe es durchaus Kritik daran gegeben, dass der Junge in der Kita betreut worden sei, berichten die drei. Eine Mutter habe sogar die Suspendierung des Jungen verlangt. „Doch wir finden, dass ein solches Kind in eine Kita gehört, weil wir so gute Erzieherinnen haben, die auch diesem Kind eine gute Entwicklung ermöglichen“, sagt Sara Schürmann. Die Eltern des Jungen hätten zudem ihr Einverständnis zu den Auszeiten gegeben. Hochgerechnet sei es seit August, seitdem das Kind nach dem Step-Programm im Eskalationsfall betreut wird, höchstens fünf Mal zu einer solchen Auszeit gekommen, berichtet sie weiter. 

Eltern setzen sich für Erzieherinnen ein 

„Es ist traurig, dass zwei erfahrene und kompetente Erzieherinnen, die sich alle Mühe gegeben haben, jetzt feststellen müssen, wie ihr Ruf ruiniert wird“, sagt Sara Schürmann. „Damit an die Öffentlichkeit zu gehen, ist das Allerletzte. Das kann uns unsere Existenz kosten“, sagt eine Kollegin.

Und auch die Borgholzhausener Rechtsanwältin Susanne Bender macht deutlich: „Eigentlich ist es erst einmal ein internes Verfahren. Einem anonymen Hinweis muss das DRK nachgehen, aber es hat auch eine Fürsorgepflicht seinen Mitarbeiterinnen gegenüber. Vor allem wenn es sich um die Leitung und zwei langjährige beliebte Erzieherinnen handelt. Erst einmal muss ermittelt werden, und wenn dann die Notwendigkeit besteht, kann man Ergebnisse verkünden“, sagt die Anwältin, die in diesem Fall die Verhältnismäßigkeit vermisst. Zumal sich die Mitarbeiterinnen nicht einmal persönlich äußern konnten, sondern nur zu schriftlichen Stellungnahmen aufgefordert worden waren. „Ein normaler Schritt wäre, mit uns zu sprechen“, so Schürmann. 

Auch bei einem Elternabend, den DRK-Vorstand Dennis Schwoch anberaumt hatte, seien sie nicht anwesend gewesen und hätten somit keine Möglichkeit, das Deeskalationskonzept und ihr Vorgehen zu erläutern – doch die Eltern hätten ihrer Kenntnis nach Unterstützung für die drei und Unverständnis wegen des Vorgehens des DRK-Vorstands geäußert.

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