Kreis Gütersloh muss Tierarzt weiter beschäftigen



Zwei Tierärzten des Kreises Gütersloh war im Juli wegen Tierschutz-Verstößen gekündigt worden. Zumindest in einem Fall war das nicht rechtens.

Vor dem Bielefelder Arbeitsgericht, an dem die Kündigung zweier Veterinäre durch den Kreis Gütersloh verhandelt worden ist, haben am Donnerstag Tierschutz-Aktivisten demonstriert. Foto: Bornhorst

Bielefeld/Kreis Gütersloh (bor) - Der Sachverhalt ist unstrittig: Drei Ferkel sind am 3. Juni auf dem Werksgelände des Fleischkonzerns Tönnies in Rheda-Wiedenbrück von einem Tierarzt des Kreises Gütersloh ertränkt worden. Anschließend kündigte der Kreis dem Arzt sowie einem zweiten Veterinär, der tatenlos daneben stand. Doch waren beide Kündigungen rechtens?

Fristlose Kündigung ist rechtswidrig

Nein, urteilte das Bielefelder Arbeitsgericht am Donnerstag. Zumindest der Arzt aus Spenge, der zugeschaut hat, darf weiter als Kreis-Veterinär arbeiten. Bis zum rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens muss der Kreis den 57-Jährigen in der Schlachttier- und Fleischuntersuchung als Fleischbeschauer vorläufig weiter beschäftigen, teilte das Gericht nach der Verhandlung schriftlich mit. Die fristlose Kündigung ist somit rechtswidrig. Der Paderborner Anwalt des Arztes, Dr. André Pleßner, wollte sich zu dem Urteil dennoch nicht äußern.

Der Kreis Gütersloh will gegen das Urteil in Berufung gehen. „Wir sehen in dem unterlassenen Einschreiten gegen das qualvolle Töten der Ferkel eine rote Linie im Bereich des Tierschutzes als deutlich überschritten an“, sagte Thomas Kuhlbusch, Dezernent für Straßenverkehr, Veterinärwesen und Recht beim Kreis Gütersloh. „Der Kläger hätte das Ertränken der drei Ferkel durch seinen Kollegen verhindern können und müssen“, betonte Kuhlbusch.

Am 22. Februar geht es weiter

Obwohl die Richterin Marion Heberling die Angelegenheit für beide Ärzte als „entscheidungsreif“ betrachtete, fiel im Fall des Veterinärs (63) aus Herzebrock-Clarholz, der die Ferkel tötete, noch kein Urteil. Im Prozess stellte sich heraus, dass das Arbeitsgericht und die Klägerseite ein Schreiben des Kreises Gütersloh versehentlich nicht erhalten hatten. Das Papier wird nachgereicht. Die Klage des Tierarztes, der die Ferkel tötete, wird am 22. Februar weiterverhandelt.

„Im Raum steht die Frage, ob die Verstöße der Tierärzte so groß gewesen sind, dass sie vom Arbeitgeber nicht zu dulden waren“, sagte die Richterin Marion Heberling zum Prozessauftakt. Die Tatsache, dass die drei Ferkel in einem Wassereimer ertränkt worden seien, sei unstrittig.

Anwalt verweist auf Vorgeschichte

Das bestätigte auch Frank Schneeweis, Anwalt des Arztes aus Herzebrock-Clarholz, der die Tiere getötet hat. Schneeweis pochte in der Verhandlung allerdings darauf, dass sich eine Vorgeschichte zugetragen habe, der der Kreis Gütersloh als Arbeitgeber zu wenig Beachtung geschenkt habe. So sollen die Ärzte, beide mehr als zwanzig Jahre für den Kreis tätig, zunächst vier weitere Ferkel aus dem Schweinetransport in einer mobilen Butina-Gaskammer getötet haben. Dafür habe es jedoch mehrere Anläufe gebraucht, wie Schneeweis dieser Zeitung nach der Verhandlung schilderte. „Die restlichen drei Ferkel waren in bedauernswertem Zustand. Mein Mandant wollte ihnen die Butina nicht antun“, so der Anwalt.

Damit konfrontiert, betonte Kuhlbusch, dass es überhaupt kein Eilbedürfnis gegeben habe. In dieselbe Kerbe schlug Karl Geißler, Anwalt des Kreises. Die Tierärzte hätten mannigfaltige Handlungsmöglichkeiten gehabt.

Transport trächtiger Tiere ist verboten

Zur Welt gekommen waren die Ferkel im Wartestall des Tönnies-Konzerns. Dabei darf so etwas laut Gesetz gar nicht vorkommen. Trächtige Tiere zu transportieren ist in der Europäischen Union verboten. Kommt es doch dazu, sind sechs Tötungsarten erlaubt, das Ertränken zählt nicht dazu. Der Herzebrock-Clarholzer Arzt hatte einen Tönnies-Mitarbeiter aufgefordert, die Tiere in einem Wassereimer zu ertränken, dieser weigerte sich aber. Tönnies hatte den Kreis Gütersloh auf den Fall aufmerksam gemacht. Am 20. Juli erfolgte die Kündigung. Ein Gütetermin am 1. September hatte zu keinem Ergebnis geführt.

„Wie kaltblütig muss man sein?“

Nicht zur zahlreiche Pressevertreter folgten dem Prozessauftakt, im Saal sowie vor dem Bielefelder Amtsgericht waren auch mehrere Tierrechtsaktivisten zu Ort. „Wie kaltblütig und herzlos muss man sein, um Ferkel zu ertränken?“, fragte Margrit Dorn, Verein Fairleben aus Gütersloh. Umso mehr, wenn es sich um einen Tierarzt handele. Selbst das zugelassene Betäuben der Tiere könne man nicht als schmerzfreie Tötung bezeichnen. Dorn und ihre Mitstreiter vom Verein „Bielefeld Animal Save“ prangerten das Leid der Tiere und die Zustände in den Schlachthöfen an. „Es ist grausam, wenn eine trächtige Sau in einen Schlachthof transportiert wird und dort ihre Ferkel zur Welt bringen muss“, betonte Dorn. Aufgeklärt werden müsse, welcher Hof das Tier geliefert habe.

Texte und Fotos von die-glocke.de sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.