Männliche Hebamme gilt immer noch als Exot


Ein Mann als Hebamme? Bisher gibt es das noch sehr selten. Eine männliche Hebamme arbeitet im Klinikum Gütersloh - Tobias Mientus.

Jede Geburt ist etwas Besonderes: Tobias Mientus hält die kleine Kübranur auf dem Arm, der er am 27. Oktober um 10.37 Uhr im Klinikum Gütersloh auf die Welt geholfen hat.

Gütersloh (rebo) - „Wie um Himmels Willen kommt man als Mann auf die Idee, Hebamme zu werden?“ Tobias Mientus, seit Mai einzige männliche Hebamme – einen maskulinen Begriff gibt es für diesen Beruf nicht mehr, früher sprach man von Entbindungspflegern – zuckt mit den Schultern. „Mich hat die Komplexität des Berufsbilds fasziniert. Das ist ja nicht allein auf die Geburtshilfe ausgerichtet.“

Nur wenige Männer in diesem Beruf 

Der 22-Jährige mag es nicht besonders, als Exot in diesem Beruf angesehen zu werden. Aber bisher ist er es eben noch. Im Klinikum Gütersloh ist er der einzige Mann in diesem Beruf. Dort ist er seit Mai angestellt – und arbeitet mit 18 Kolleginnen. Auch bundesweit ist Tobias Mientus als männliche Hebamme immer noch die Ausnahme. Im Deutschen Hebammenverband sind nach Auskunft von Sprecherin Karen Kunze derzeit zwölf männliche Hebammen organisiert. Sie gehe davon aus, dass es 15 bis 20 Männer in Deutschland gebe, die diesen Beruf ausübten.

Praktikum im Klinikum Gütersloh

Einen Berufskollegen kennt Mientus persönlich. Sie seien über Instagram aufeinander aufmerksam geworden, sagt er. Bereits mit 16 Jahren war für den gebürtigen Rietberger klar, dass nach der Schule eine Ausbildung im medizinischen Bereich folgen sollte. Im Rahmen eines Schulpraktikums machte er sich schon auf der Station sechs mit den Abläufen im Klinikum vertraut. „Ich wollte wissen, ob ich mit den Diensten klarkomme“, sagt er. Er kam klar und informierte sich, welche Ausbildungsberufe es im medizinischen Bereich gibt.

Breites Aufgabenspektrum

Dabei sei er auf den Beruf der Hebamme gestoßen. „Das Aufgabenspektrum ist sehr breit“, sagt Mientus. Geburtshilfe und auch Kinderheilkunde gehöre ebenso dazu wie die Beratung und Betreuung der Frauen und der Säuglinge. „Hebammen verfügen über ein enormes Wissen auf unterschiedlichen Gebieten, das sie verknüpfen müssen.“

Hebammenschule in Marburg

„Ich arbeite zusätzlich auch selbstständig und begleite die Frauen vor und nach der Geburt“, erläutert Mientus. An der Hebammenschule in Marburg hat er in drei Jahren alles gelernt, was für diese anspruchsvolle Aufgabe notwendig ist. In Theorie und Praxis, begleitet von erfahrenen Ausbilderinnen und Lehrhebammen.

Schwierige erste Geburt

An die erste Geburt, die er begleitet hat, erinnert sich Mientus noch. „Es war nicht so eine Bilderbuchgeburt, wie man es sich wünscht“, sagt er. Aber er habe die leitende Hebamme unterstützen dürfen und auf diese Weise gleich einen intensiven Einblick in die Abläufe im Kreißsaal bekommen. Im Klinikum leitet Tobias Mientus inzwischen selbst Geburten. Bei Risikoschwangerschaften würden die Frauen ausführlich beraten, erklärt er. Seine Chefin, Dr. Wencke Ruhwedel, Leiterin der Geburtsklinik, entscheide anschließend, ob eine hebammengeleitete Geburt stattfinden kann.

Familie unterstützt ihn

61 Mädchen und Jungen hat Mientus inzwischen im Klinikum Gütersloh auf die Welt geholt. Es sei schon jedes Mal etwas Besonderes, sagt er. „Die Familien kommen zu zweit hierher und gehen zu dritt wieder nach Hause.“ Familie und Freunde des 22-Jährigen haben sich längst daran gewöhnt, dass er in einem Beruf arbeitet, für den sich nur wenige Männer begeistern können. „Das war von Anfang an so“, sagt Mientus. Als er seinen Eltern erzählt habe, er wolle Hebamme werden, hätten sie ihm empfohlen: „Probier es aus.“

Eigene Kinder sind noch nicht geplant 

Seine Klientinnen haben ebenfalls keine Bedenken, sich von einem Mann durch Schwangerschaft und Geburt begleiten zu lassen. Ein einziges Mal habe eine Frau ihn als Hebamme abgelehnt. „Aber sie hat entschieden, dass überhaupt kein Mann bei der Geburt dabei sein solle, auch nicht der Vater des Kindes“, erzählt Mientus. Im Klinikum Gütersloh fühlt sich Tobias Mientus gut aufgehoben. Besonders gern übernimmt er die Nachtdienste. Das sei einfach seine Zeit, sagt er. Ob er sich irgendwann ganz selbstständig machen will, kann der 22-Jährige noch nicht sagen. Er will im Klinikum zunächst weitere Erfahrungen in seinem Beruf sammeln. Und übrigens: Nein, über eigene Kinder denkt Mientus im Moment noch nicht nach.

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