Seelenqualen fesseln Publikum im Theater Gütersloh



Bora Bora lässt sie nicht an Land. In Panama dürfen sie nicht in den Hafen einlaufen. Florida droht, sie zu beschießen. Diese Karibikkreuzfahrt im Theater Gütersloh endet im Desaster.

Die Reisende Jona (Judith Rosmair) konfrontierte das Publikum mit ihren Seelenqualen. Ein gelungenes Stück. Die Theaterleitung sollte es nochmals ins Programm nehmen, meint unser Autor. Foto: Thomas Müller

Gütersloh (wh) - Am Samstagabend, bei der Schauspielpremiere dieser Saison, ist das Gütersloher Theaterpublikum live dabei. Als nämlich die Reisende Jona (Judith Rosmair) es mit ihren Seelenqualen auf dem Seuchendampfer „Tamburin“ konfrontiert. In dem klaustrophobisch angelegten Kammerspiel „Endlose Aussicht“ von Theresia Walser monologisiert sie aus ihrer zehn Quadratmeter großen Kabine heraus über eine große Menschheitskatastrophe.

Was die Besucher fesselt, ist die Angst, die jeder mit sich herumträgt, aber verdrängt. Die sich niemand wünscht, die aber plötzlich real werden kann. Die „Diamond Princess“ etwa landete mit mehr als 3000 Personen im Hafen von Yokohama an und wurde wochenlang unter Quarantäne gestellt. Auf der „Magnifica“ traf es 2000 Reisende, die wegen geschlossener Häfen ihre Rundfahrt abbrechen mussten und nach langer Irrfahrt über Melbourne und Dubai schließlich Wochen später in Marseille ausschiffen konnten. 

Zahlreich sind die Geschichten von Urlaubern, die in den ersten Monaten der Pandemie auf Schiffen unterwegs waren. Und verstörend die Gefühle, die bei einem Lockdown in der Kabine durchlebt werden. Ohne Tageslicht, ohne Fenster zur Welt draußen. In den Fernsehnachrichten das Bild eines Schiffes, das sich aus der Ferne betrachten lässt, während man selbst darauf gefangen ist. Wenn Tag und Nacht ereignislos ineinandergleiten, die Menschen zu einem kurzen Freigang auf das Sonnendeck abgeführt werden und das Smartphone einziger Kontakt in die Außenwelt bleibt. 

Mehr als ein Corona-Stück

Aber was gibt es mitzuteilen aus der Einsamkeit? Zahlreiche Sätze entwirft Jona in ihrem Walfischbauch und nimmt die Theaterbesucher mit auf eine Reise durch ihre Gedanken- und Gefühlswelt. „Es hat gut angefangen. Aber es ist nicht zu Ende. Wer kann schon sagen, wann das Ende zu Ende ist?“, tippt sie ins Handy, um den Satz sofort wieder zu löschen. Vom Deck sieht sie die Mütze des Nachtportiers, den sie kürzlich noch geliebt hat. Sie treibt auf dem endlosen schwarzen Meer. 

„Endlose Aussicht“ ist mehr als ein Corona-Stück, auch wenn es während des ersten Lockdowns in Rosmairs Wohnzimmer entstand und unter Pandemiebedingungen in einem Autokino uraufgeführt wurde. Der Stillstand ermöglicht Nahaufnahmen von uns selbst. In der Isolation kommen wir uns nah. Videofilmer Theo Eshetu, Teilnehmer an der Dokumenta 2017, ästhetisiert Jonas Selbstreflexion in langsamen Clips über den Kabinenfernseher: In tiefer See wallen Molusken. Sie leben seltsam allein in einer uns verschlossenen Welt, unter den Bäuchen der Kreuzfahrtschiffe.

Ein gelungenes Stück. Die Theaterleitung sollte es nochmals ins Programm nehmen.

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