„Wege durch das Land“ startet in Gütersloher Tanzschule



Mit 28 geplanten Veranstaltungen ist das Literatur- und Musikfestival „Wege durch das Land“ gestartet. Und zwar in Gütersloh.

Schwungvolle Intermezzi: Die Band Marina & the Cats mit Sophie Rois (Mitte) sind spezialisiert auf modernen, tanzbaren Neo-Swing im Stil der 30er- und 40er -Jahre. Bei der Festivaleröffnung im Tanzsaal Stüwe-Weissenberg sorgten sie für schwungvolle Intermezzi zwischen den gelesenen Episoden. Foto: Hein

Gütersloh (wh) - Das große ostwestfälische Literatur- und Musikfestival „Wege durch das Land“ kehrt mit 28 Veranstaltungen an 13 verschiedenen Orten der Region aus seinem Stillstand zurück, nach zwei eingeschränkten Spielzeiten.

Es gibt nicht nur „Fun“ in diesen Zeiten

Dank neuer Sponsoren und aufgestockter Mittel – auch aus dem Kreisgebiet – wurde es am Samstag in den Räumen der Tanzschule Weissenberg, dem geschichtsträchtigen Versammlungshaus der vormaligen „Gesellschaft Eintracht“, eröffnet. 

Der Ort ist gut gewählt, denn das Motto des Programms lautet „Unendlicher Spaß“, und nichts verbinden die Menschen mehr mit Spaß als das Tanzen. Aber es ist auch ein Leitgedanke, der befremdet, denn es gibt nicht nur „Fun“ in diesen Zeiten.

Wo hört der Spaß auf?

Welche Rolle spielt der Spaß und wo hört er auf? Hat er noch die anarchische Sprengkraft, die sich als Mittel der Kritik von den herrschenden Strukturen abgrenzt? Ein Blick auf das Titelblatt des Programmhefts klärt auf, dass der Humor bröckelt. 

Er sei für viele Künstlerinnen und Künstler auch da, um den Schrecken der menschlichen Existenz zu zeigen, begründen die künstlerische Leiterin der Reihe, Helene Grass, und Albrecht Simons von Bockum Dolffs, leitender Dramaturg, ihre Wahl.

Zwei Episoden aus Romanen der Weltliteratur

Im feierlichen Ambiente des heimischen Tanzpalastes eröffnet die österreichische und auf eine große Theaterkarriere in Berlin blickende Schauspielerin Sophie Rois das Festival mit zwei Episoden aus Romanen der Weltliteratur: „Der Leopard“ von Giuseppe di Lampedusa führt hinein in einen großen Ball in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und F. Scott Fitzgeralds Erzählungen „Partytime“ swingen durch die New Yorker Nächte der 1920er Jahre. 

Geht es im Ersten noch um die Frage: Mazurka oder Walzer?, so ist das Genre bei Fitzgerald klar. Es kann nur Charleston sein, der Tanz, bei dem Männer auf ihren Zehen stehen und die Hacken hinter sich werfen. Lässt der Tanz der Verliebten auf dem Ball der Familie Pontetione noch den Tod vergessen, so ist er auf dem Tanzboden der „Roaring Twenties“ gegenwärtig.

In beiden Geschichten erscheint der Tod eher beiläufig

Mit ihren Markenzeichen, dem rauchigen Timbre und einem typischen rollenden „r“, liest Rois vor, wie eine furiose Tänzerin am Ende des Abends mit durchschossener Kehle verblutet. In beiden Geschichten erscheint der Tod eher beiläufig, als hinzunehmende kulturelle Angelegenheit, denn als intellektuelle Herausforderung. 

Die dritte Episode lesen die Programmverantwortlichen selbst, aus Rainald Goertz’ „Rave“. Seine Geschichten aus dem Leben in der Nacht, pulsierend im Rhythmus der Musik, „intellektualisieren Vergnügungshöhlen, Drogen, Musik und die Djs. Sinnlos“, kritisierte einst der Spiegel.

Ausschnitt zeigt die Leere nach dem Spaß

Ihr Ausschnitt zeigt allerdings die Leere nach dem Spaß, nach dem Auftauchen aus finsteren Löchern, wenn die erste Frage dem Wochentag gilt, der jetzt ist.

Traditionell ist der Eröffnungsabend einer besonderen Rede, der „Rede an die Sprache“, gewidmet. Am Samstag wurde sie von der Autorin Katharina Häcker gehalten, Buchpreisträgerin und eine der führenden Stimmen in der deutschen Gegenwartsliteratur.

Autorin schreibt gegen Lügen und Täuschungen an

„Über das Selbstgespräch, die Freiheit, den Schatten“, tituliert sie ihr in der Veranstaltung ausliegendes Manuskript – eine Ansammlung von Gedanken aus den vergangenen Wochen, in der Vorahnung und angesichts der Realität eines Krieges, quasi ein Tagebuch der ersten Jahresmonate. 

Die Sprache wandele sich vor ihren Augen, in den Zeitungen, in den Aufrufen, sie scheine gar die Fassung zu verlieren, schreibt sie gegen den Bedeutungswandel von Wörtern, gegen Lügen, Falschaussagen und Täuschungen an.

Die Sprache lässt sich nicht kleinreden

In der Silhouette, der Schattenrisszeichnung, findet sie den Ausweg aus ihrem Dilemma: Was ist der Schatten der Sprache? Sind es Briefe? Zettel? Aufzeichnungen? Tagebücher?

 „Hörst Du? Da liegt ein ganzes Wort auf dem Boden.  Eines Tages werden wir es im Triumph nach Hause tragen.“ Die Sprache lasse sich nicht kleinreden, schreibt Häcker. Sie beharrt auf deren Reichtum und darauf, dass sie allen gehört.

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