Kunstprojekt aus Plakaten in Rheda-Wiedenbrück


Im Jahr 2020 hat Nico Joana Weber den Brachum-Kunstpreis erhalten. Jetzt startet sie ein breit angelegtes Kunstprojekt im öffentlichen Raum.

Nico Joana Weber hat in den vergangenen Monaten viel Zeit in den Archiven der Stadt sowie von Cor, Interlübke und Musterring verbracht. In ihrer Plakatserie verarbeitet sie dieses Material mit eigenen Fotografien zu digitalen Collagen.

Rheda-Wiedenbrück (gl) - Das „Endlos-Bauprinzip“ hat Nico Joana Weber ihr Kunstprojekt genannt. Hinter dem Titel verbirgt sich eine 36-teilige Plakatserie der jungen Frau im öffentlichen Raum, der 2020 der Brachum-Kunstpreis verliehen worden ist.

Arbeiten stehen an stark frequentierten Stellen im Stadtgebiet

Bei der Auszeichnung zu Ehren des Renaissance-Baumeisters Laurenz von Brachum handelt es sich um einen Förderpreis für hochbegabte Nachwuchskünstler, der von der Stadt – mit Unterstützung der Regionalen Kulturstiftung – vergeben wird und verbunden ist mit einer Arbeit im öffentlichen Raum. Nach Christian Odzuck (2014) und Frauke Dannert (2017) ist Nico Joana Weber die dritte Preisträgerin. Sie zeigt bis zum 30. Juni 18 Arbeiten auf Plakatwänden an stark frequentierten Standorten in Rheda und Wiedenbrück. Weitere 18 Exponate sind vom 25. Juni bis zum 20. Juli im Flora-Westfalica-Park zwischen Rosengarten und Emssee zu finden.

Nico Joana Weber hat in den vergangenen Monaten viel Zeit in den Archiven der Stadt sowie von Cor, Interlübke und Musterring verbracht. In ihrer Plakatserie verarbeitet sie dieses Material mit eigenen Fotografien zu digitalen Collagen. Die entstandenen Werke zeigen Montagen von Architektur- und Stadtansichten, Möbel- und Innenraumgestaltungen aus den zurückliegenden 70 Jahren. Nahezu nebenbei und fast zufällig entdecken Betrachter das „Endlos-Bauprinzip“.

Eröffnet wird die Plakataktion am Samstag, 25. Juni, um 14 Uhr am Odzuck-Pavillon im Flora-Westfalica-Park. Alle Interessenten sind willkommen. Wer sich gezielt auf die Spuren der Plakate begeben möchte, bekommt dazu eine kleine Hilfestellung. Ein Faltblatt mit einer Übersicht der verschiedenen Standorte ist bei der Flora Westfalica und in öffentlichen Gebäuden erhältlich.

Der architektonischen und ästhetischen Architektur der Stadt auf der Spur

Die Standorte der Großplakate in Rheda liegen an der Herzebrocker Straße in unmittelbarer Nähe zum Baumarkt sowie in Höhe Bahndamm, auf dem Bahnhofsvorplatz sowie an jeweils zwei Stellen an der Wilhelm- und an der Gütersloher Straße. In Wiedenbrück finden sich Weber-Werke an der Bielefelder Straße in Höhe Teutonenweg und Ostring, außerdem am Sandberg (beide Richtungen), an der Hauptstraße/Lümernweg, am Hellweg (Nähe Schulstraße) und am Feldhüserweg. Auch der Flora-Westfalica-Park ist bestückt. Plakate im Rosengarten, auf der Kirschwiese und im Schlossgarten, zudem an Spielerei, Seilzirkus und Skatepark, an Ems-Altarm sowie -aue und -see ziehen die Blicke auf sich.

Wie kann die architektonische und ästhetische DNA einer Stadt und ihrer Räume beschrieben werden? Welche Vorstellungen und Sehnsüchte spiegeln sich in Geplantem und Gebautem, in privater und öffentlicher Gestaltung?

Wie Cor, Interlübke und Musterring das moderne Wohnen prägten

Die Künstlerin Nico Joana Weber hat sich in ihren Filmen, Fotografien und Installationen bereits mit einer Vielzahl von Architekturen und deren Kontexten in Deutschland, Frankreich, Nord- und Südamerika und Afrika beschäftigt. In Rheda-Wiedenbrück durchforstete sie in den vergangenen Monaten akribisch die Archive der Stadt sowie der namhaften Möbelhersteller Cor, Interlübke und Musterring, die in den 1960er-Jahren die grundlegende Modernisierung des deutschen Wohnens mitprägten. Das von ihr recherchierte umfangreiche Quellenmaterial hat sie mit eigenen Fotografien zu digitalen Collagen verarbeitet, die nun einem großen Katalog psychedelisch anmutender Bildpoeme gleichen.

Sie zeigen Montagen von Architektur- und Stadtansichten, Möbel- und Innenraumgestaltungen aus den vergangenen 70 Jahren. Auf diese Weise verdichtet Weber futuristische Projektionen und zeittypische Realitäten auf großformatigen Plakatwänden zu einem 36-teiligen Bildprogramm im öffentlichen Raum. Sie lässt dabei – wie auch in der realen Stadt – Abriss und Neubau, Denkmal und Modernität, Ornament und Minimalismus, Zeitgeist und Zeitlosigkeit aufeinandertreffen und ineinander verschmelzen.

Endlosbauprinzip ist das Resultat einer langen Recherche

„Das Endlosbauprinzip“ ist ein im Vorübergehen und Vorbeifahren erlebbares Ausstellungsprojekt, eine Gestaltungsstudie von und für Rheda-Wiedenbrück – und eine exemplarische Architektur- und Design-Analyse einer deutschen Stadt. Der von Weber gewählte Projekttitel ist ebenfalls ein Resultat ihrer Recherchearbeit: 1963 entwickelte Walter Müller für Interlübke den Urvater aller industriell produzierten Serienschränke in modularer Endlosbauweise, den „interlübke 61“. Der Begriff „Endlosbauprinzip“ begegnet einem in den damaligen Firmenkatalogen. Weber nutzt diese typisch deutsche Wort-schöpfung zur Benennung ihres Kunstprojekts und verweist dabei zugleich auf den nicht endenden baulichen, sozialen und kulturellen Veränderungsprozess einer Stadt.

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