Rettungskette für Menschenrechte im Kreis Gütersloh



In Gütersloh und Rheda-Wiedenbrück haben am Samstag hunderte Demonstranten auf das Leid der Mittelmeer-Flüchtlinge hingewiesen.

Klares Bekenntnis: „Kein Mensch ist illegal“ stand auf den Schildern, die Teilnehmer der Rettungskette am Samstagmittag in der Rhedaer Fußgängerzone in den Händen hielten. Auf dem Gebiet der Doppelstadt zählten die Veranstalter 300 Aktive. Foto: Sudbrock

Rheda-Wiedenbrück/Gütersloh (gl) - Ali Alghandour war zwölf Jahre alt, als er auf einem Flüchtlingsboot im Mittelmeer um sein Leben bangte. Am Samstag ist er einer von mehreren hundert Teilnehmern, die sich zwischen Gütersloh und Rheda-Wiedenbrück zu einer Rettungskette für Menschenrechte zusammengeschlossen haben.

Täglich ertrinken Menschen auf der Flucht

„Noch immer sterben auf dem Mittelmeer viel zu viele Menschen – und das jeden Tag“, sagt der inzwischen 18-Jährige. Ali lebt seit mittlerweile sechs Jahren in Deutschland, hat seinen Schulabschluss gemacht und absolviert jetzt eine Ausbildung zum Maler und Lackierer.

An seine eigene Mittelmeer-Überfahrt auf einem wackligen Plastikboot mit 70 anderen Flüchtlingen erinnert sich der Libanese noch genau. „Das werde ich nie vergessen. Ich träume heute noch davon“, berichtet er. Die Angst, die er als Junge auf der Reise ins Ungewisse verspürte, steht ihm dabei ins Gesicht geschrieben. „Wir waren vom Kurs abgekommen und sind dann zu allem Überfluss auch noch in ein Unwetter geraten“, schildert er die dramatischen Ereignisse auf hoher See, die sich irgendwo zwischen der türkischen Küste und den griechischen Inseln abspielten. „Ich wusste nicht, ob ich überlebe, und habe deshalb einfach die Augen zugemacht.“

Ali hat überlebt

Ali hat überlebt. Inzwischen ist er in Deutschland angekommen, nicht nur körperlich, sondern auch mental. Er hat neue Freundschaften geknüpft, eine berufliche Perspektive. Auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung wartet er indes noch. Dennoch ist eine Rückkehr in sein Land für den jungen Mann keine Option. Korruption, Gewalt und Willkür bestimmten dort den Alltag. „Man kann dort nicht sicher leben“, sagt er. Und trotzdem: Seine Heimat bleibe auf ewig in seinem Herzen.

In der Kreisstadt hat Anne Haverland vom Gütersloher Bündnis Seebrücke die Menschenkette organisiert. Die Aktion ist Teil einer europaweiten Protestkundgebung, die sich gegen das Sterben im Mittelmeer wendet. Genau dort endet die mehrere tausend Kilometer lange Menschenkette an diesem Samstag im September übrigens auch: nämlich an der Küste Italiens. Ihren Anfang nimmt sie im Norden Deutschlands, in Hamburg.

Anne Haverland: „Nicht wegschauen“

Anne Haverland freut sich, dass die länderübergreifende Veranstaltung im dritten Anlauf endlich vonstatten gehen kann. Zweimal musste das Vorhaben verschoben werden – wegen Corona. Dabei sei das Anliegen wichtig: „Wir dürfen nicht wegschauen, wenn tagtäglich Menschen im Mittelmeer ertrinken.“

Eine Vorbildfunktion nehme die Europäische Union in der Frage der Mittelmeer-Flüchtlinge nicht gerade ein, bedauert Anne Haverland im Gespräch mit dieser Zeitung. „Auch mit Steuergeldern aus Deutschland werden libysche Milizen bezahlt, die Flüchtlingsboote mit Drohnen orten und sie dorthin zurückbringen, wo sie gestartet sind.“ Die EU sehe lieber zu, wie die hilfesuchenden Menschen im Mittelmeer ums Leben kommen, anstatt sie zu retten. Mehrere Petitionen, die sich gegen dieses Vorgehen wenden, habe sie in den vergangenen Monaten an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen geschickt. „Eine Antwort habe ich bis heute nicht erhalten“, bedauert die Kunstlehrerin aus Gütersloh.

Veranstalter sprechen von Erfolg

Nicht länger zusehen: Das wollen auch Elisabeth Frenser und Michaela Koroch von der SPD Rheda-Wiedenbrück. Sie haben die Rettungskette auf dem Gebiet der Doppelstadt organisiert. Auch wenn es am Ende nur 300 Erwachsene, Jugendliche und Kinder sind, die sie mobilisieren können, und es dadurch teils zu größeren Lücken in der Menschenkette kommt, sind sie mehr als zufrieden. „Wir in Rheda-Wiedenbrück sind es nicht gewohnt, laut auf der Straße unsere Meinung zu sagen“, weiß Elisabeth Frenser. „Heute ist das anders: Und das ist aus unserer Sicht ein Erfolg.“

Die Lintelerin erhielt bei der Organisation Unterstützung von ihrer Parteikollegin Michaela Koroch aus Batenhorst. Bei ihr klingelte noch am Samstagmorgen eifrig das Telefon. Kurz vor knapp meldeten sich acht weitere Gruppen, die an der Menschenkette teilnehmen wollten. „Das zeigt, dass den Bürgern der Stadt das Schicksal der Flüchtlinge nicht egal ist.“

„Ein Pflichttermin für jeden Christen“

Für Martin Wachter, den stellvertretenden Presbyteriumsvorsitzenden der Evangelischen Versöhnungskirchengemeinde Rheda-Wiedenbrück, ist es an diesem Samstag keine Frage, an der Rettungskette für Menschenrechte teilzunehmen. Es gelte, gegen die Ungerechtigkeit auf dem Mittelmeer Flagge zu zeigen, deshalb sei die Veranstaltung für ihn als Christen ein Pflichttermin.

Karin Elsing, Sprecherin des Arbeitskreises Asyl der Evangelischen Kirchengemeinde Gütersloh, kann ihm da nur zustimmen. „Viele der Flüchtlinge, die wir betreuen, machen sich große Sorgen um ihre Familienangehörigen, die noch in der alten Heimat sind oder in einem der restlos überfüllten Lager ausharren müssen“, sagt Karin Elsing. Einigen von ihnen stehe die riskante Fahrt übers Mittelmeer noch bevor.

Flüchtlinge fürchten um Angehörige

Doch auch einen anderen Krisenherd dürfe man nicht aus den Augen verlieren, unterstreicht die Sprecherin des Arbeitskreises Asyl. Sie spielt damit auf Afghanistan an, wo die radikalen Taliban nach dem Abzug der internationalen Truppen die Macht zurückerobert haben. Afghanen, die einst auch deutsche Soldaten bei der Ausübung ihrer Arbeit unterstützten, drohe nun höchste Gefahr. „Diese Menschen hat die internationale Gemeinschaft im Stich gelassen“, sagt Karin Elsing. Sie verweist darauf, dass erst eine afghanische Familie, der die Flucht gelungen sei, in Gütersloh aufgenommen werden konnte.

„Manchmal werde ich gefragt, warum ich mich hier engagiere“, berichtet Libanese Ali vor Beginn der Rettungskette am Samstag. „Ich antworte dann immer dasselbe: Weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt, wenn man in einem überfüllten Boot um sein Leben fürchtet. Ich war dabei.“

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