Rheda-Wiedenbrücker Bürgerstiftung zieht Bilanz



Im Kleinen wie im Großen hat die Bürgerstiftung seit ihrer Gründung vor 15 Jahren viel bewegt - und das trotz geringerer Zinserträge.

„Motoren“ und Macher der vor 15 Jahren ins Leben gerufenen Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück: (v.l.) Vorstandsvorsitzende Bettina Windau sowie die Gründungsväter Berthold Lönne, Ulrich Dresing, Horst Lübke und der frühere Bürgermeister Bernd Jostkleigrewe am Mittwochvormittag vor der Geschäftsstelle der Bürgerstiftung an der Eintrachtstraße in Wiedenbrück. Foto: Sudbrock

Rheda-Wiedenbrück (gl) - Unter dem Niedrigzinsniveau leidet auch die Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück: Das inzwischen auf drei Millionen Euro angewachsene Stiftungskapital bringt weniger Zinsgewinne, mit denen Projekte finanziert und Menschen in Notlagen unterstützt werden können. Dennoch ist die Stiftung aktiver als jemals zuvor.

Paten und Freunde sind das Rückgrat der Stiftung

„Unser Rückgrat sind die 60 Stiftungspaten und -freunde, die uns regelmäßig mit festen Beträgen unterstützen“, sagt Berthold Lönne. Er ist neben Horst Lübke, Ulrich Dresing, Johannes Strunz-Happe, Peter Baumhüter und Bernd Jostkleigrewe einer der Gründerväter der inzwischen 15 Jahre alten Stiftung. Das von 500 000 auf mittlerweile drei Millionen Euro angewachsene Grundkapital werde nicht nur auf dem Geldmarkt angelegt, sondern beispielsweise auch in Aktien, sagt Lönne. So könnten weiterhin Zinsen eingefahren werden, wenn auch nicht fünf Prozent oder mehr, wie das noch in den Anfangsjahren der Fall gewesen sei. Viel bewegt und noch mehr vor: Zum „halbrunden Geburtstag“ (O-Ton Vorstandsvorsitzende Bettina Windau) ziehen die Stiftungsväter ein positives Zwischenfazit. Bernd Jostkleigrewe rechnet vor, dass allein 2020 247 000 Euro ausgeschüttet werden konnten – wohlgemerkt ohne das Eigenkapital anzuknabbern. „Im ersten Jahr waren es nur 24 000 Euro, die wir an die Menschen dieser Stadt verteilen konnten.“ Binnen 15 Jahren habe die Stiftung 234 Projekte mit insgesamt 1,3 Millionen Euro gefördert.

Dabei sind es nicht nur die großen Programme, für die man sich engagiert. Auch viele kleine Maßnahmen sind darunter, die aber eine nicht minder große Wirkung entfalten. Ein Leuchtturmprojekt sei der Bildungsfonds, sagt Horst Lübke. Aus diesem erhalten alle Schulen und Kindertagesstätten im Stadtgebiet einen jährlichen Sockelbetrag, über den sie frei verfügen können, um Jungen und Mädchen aus sozial benachteiligten Familien schnell und unbürokratisch zu unterstützen.

Bildungsfonds kommt Kindern und Jugendlichen zugute

Die Übernahme der Kosten für einen Klassenausflug, die Bezahlung professioneller Nachhilfestunden oder auch die Finanzierung von Gummistiefeln, damit das Kind, das keine hat, trotzdem mit den anderen draußen im Matsch spielen kann: „Genau dafür ist unser Bildungsfonds gedacht“, sagt Berthold Lönne. Das Konzept sei so angelegt, dass kein Kind, das Mittel daraus erhält, stigmatisiert werde. „Das ist uns besonders wichtig“, ergänzt Ulrich Dresing. Einrichtungen, in denen der Förderbedarf besonders hoch ist, erhalten mehr Geld als andere. Und: „Nachtanken ist möglich, wenn der Etat zu schnell verbraucht ist“, betont Lönne.

Nach einem ähnlichen Muster wie der Bildungsfonds funktioniert das neu aufgelegt Projekt „Bürgerstiftung hilft“. Es richtet sich an unverschuldet in Not geratene Bürger der Stadt, wenn staatliche oder gemeinnützige Unterstützungsprogramme nicht greifen. „Dann springen wir ein, ohne dass erst umständlich Antragsformulare ausgefüllt werden müssen“, sagt Horst Lübke.

Hilfe auf dem kurzen Dienstweg

Die Mittelverteilung erfolge über die Diakonie, die Caritas und das städtische Sozialamt, erläutert Bernd Jostkleigrewe. „Dort weiß man am besten, wo auf dem kurzen Dienstweg Unterstützung benötigt wird.“ Für 2022 sei vorgesehen, weitere Kooperationspartner aus dem Bereich der Wohlfahrtsverbände mit ins Boot zu holen.

Berthold Lönne rechnet damit, dass der Bedarf nach Finanzhilfen für Familien und Einzelpersonen, die ohne eigenes Zutun in eine wirtschaftliche Schieflage geraten sind, weiter zunimmt. Er verweist auf die stark gestiegene Inflation und die horrenden Energiepreise. „Da wird in nächster Zeit noch einiges auf uns als Bürgerstiftung zukommen“, gibt sich Lönne überzeugt.

Zündende Idee auf einer Geburtstagsfeier

Als Geburtsstunde für die Rheda-Wiedenbrücker Bürgerstiftung gilt eine Geburtstagsfeier. Auf dem 60. Wiegenfest von Ulrich Dresing fassten die späteren Gründungsväter den Entschluss. Zuvor hatte bereits Horst Lübke mit dem Gedanken gespielt, 250 000 Euro seines Kapitals in einer Art Stadtstiftung anzulegen.

Dabei blieb es nicht. Dank des eifrigen Werbens durch den damaligen Bürgermeister Bernd Jostkleigrewe war die erste halbe Million schnell „im Sack“, weitere Zustiftungen erhöhten das Kapital in den Folgejahren. Am 16. Oktober 2006 überreichte die damalige Detmolder Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl die Stiftungsurkunde. Ihr dabei geäußerter Wunsch, die Stiftung möge zu einem Projekt aller Bürger der Stadt werden, sehen die Initiatoren von einst inzwischen mehr als erfüllt. „Gelder, die durch Rheda-Wiedenbrücker Bürger generiert werden, kommen bedürftigen Menschen der Stadtgesellschaft zugute“, bringt es die Vorstandsvorsitzende Bettina Windau auf den Punkt. „Eben eine Stiftung von Bürgern für Bürger“, ergänzt Bernd Jostkleigrewe.

Flexibler als jede Behörde

Als Ersatz für staatliche Transferleistungen sieht die Bürgerstiftung ihr Engagement ausdrücklich nicht. Man setze vielmehr genau dort an, wo Hilfszahlungen öffentlicher Träger aufhören: Etwa bei Familien, die knapp über der Bemessungsgrundlage für staatliche Zuschussleistungen liegen, in denen das Geld aber eben dennoch knapp sei, erläutert Bettina Windau. Menschen, die durchs Raster bestehender Auffangsysteme fallen, wolle man unter die Arme greifen, sagt Lübke. Und da sei das Prinzip einer Stiftung Gold wert, denn: „Wir können viel flexibler und freier agieren als jede Behörde.“

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