Wiedenbrücker Einzelhändler fühlen sich abgehängt



Der Gewerbeverein macht sich Sorgen um die Zukunft der Wiedenbrücker Innenstadt. Gut gemeinte Veränderungen könnten das Gegenteil bewirken.

Ein Integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept (Isek), das Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung enthält, soll für Wiedenbrück erstellt werden. Axel Sträter, Michael Ebeling, Klaus Westermann, Nicole Kirschner und Andreas Wegener (v. l.) vom Gewerbeverein sehen die bisher auf dem Tisch liegenden Vorschläge jedoch kritisch. „Der Wiedenbrücker Starrsinn ist oft überlebenswichtig“, sagen sie. Foto: Sudbrock

Rheda-Wiedenbrück (gl) - Kann man Wiedenbrücks Innenstadt noch besser machen, als sie bereits ist? Die Vorstandsspitze des Gewerbevereins glaubt das nur bedingt. Stattdessen sei die Gefahr wesentlich größer, dass mit unüberlegten Eingriffen in die gewachsene Stadtstruktur viel Gutes unwiederbringlich kaputtgemacht werde.

Isek-Papier enthält mehr als 30 Einzelmaßnahmen

Noch handelt es sich beim Isek-Papier nur um einen Entwurf. Aber die Zeit drängt aus Sicht des Gewerbevereins Wiedenbrück. Denn bereits im kommenden Jahr will der Stadtrat das Rahmenkonzept für die künftige Entwicklung der Wiedenbrücker City verabschieden. Bis dahin will die Kaufmannschaft nach eigenem Bekunden nichts unversucht lassen, dass das Isek die richtige Stoßrichtung bekommt. Denn aktuell würde mit den zum überwiegenden Teil erst rudimentär vorliegenden rund 30 Einzelvorschlägen keine Attraktivitätssteigerung erreicht, sondern eher das Gegenteil, sagen die Gewerbetreibenden.

Zitate

„Warum fängt man nicht in einem ersten Schritt damit an, Dinge, die schon gut laufen, weiter zu verbessern. Als Beispiel käme mir da die zeitliche Ausdehnung der Wochenmärkte über die Mittagszeit hinaus in den Sinn. Das würde – gepaart beispielsweise mit besonderen kulinarischen Angeboten der Standbetreiber – die Innenstadt auch am Nachmittag mit Leben füllen.“ Nicole Kirschner wünscht sich Maßnahmen, von denen der Einzelhandel einen Nutzen hat.

„Wir sind nicht prinzipiell gegen eine Tiefgarage auf Büschers Platz. Darin könnten beispielsweise Innenstadtbewohner und andere Langzeitparker ihre Autos abstellen. Ebenerdige Stellplätze sind aber für die Kunden des Einzelhandels eine zwingende Grundvoraussetzung.“ Andreas Wegener weiß, dass es Kunden möglichst bequem haben wollen.

„Dass wir kaum Leerstände haben, ist der beste Beweis dafür, dass unsere Stadt funktioniert.“

Klaus Westermann sieht keinen Anlass für voreilige Änderungen.

„Das Kernproblem ist, dass das Isek von Fachplanern erstellt wird, die nicht hier leben.“

Axel Sträter wünscht sich einen stärkeren Ortsbezug.

Für die Isek-Erstellung hat die Stadt ein externes Büro angeheuert. Dieses soll Vorschläge zur künftigen Entwicklung Wiedenbrücks machen und später alles in eine Form gießen – auch unter Einbeziehung der Bürger. Mitgenommen fühlen sich die Gewerbevereinsvertreter von den Planern aber nicht, sondern vielmehr abgehängt. „Die von Rat und Verwaltung propagierte Bürgerbeteiligung hat nur einen legitimierenden Charakter, sie ist scheinbar überhaupt nicht gewünscht“, sagt Vorstandsmitglied Michael Ebeling. Anders sei es kaum zu erklären, dass im Vorfeld der Entwurfserarbeitung lediglich 16 zufällig auf dem Wochenmarkt ausgewählte Bürger nach ihrer Meinung zum Ist-Zustand der Stadt und nach Ideen für die künftige Entwicklung gefragt worden seien. „Warum hat man nicht mit den direkt Betroffenen – also den Geschäftsinhabern und Bewohnern der Altstadt – gesprochen?“, will Ebeling wissen und betont: „Die kennen Wiedenbrück doch schließlich am allerbesten.“

„Wir wissen gar nicht genau, worüber wir eigentlich reden“

Kein gutes Haar lässt Vorstandsmitglied Nicole Kirschner an der Isek-Bürgerveranstaltung, zu der die Stadtverwaltung vorige Woche ins Ratsgymnasium eingeladen hatte (diese Zeitung berichtete). Dort seien in der Kürze der Zeit die mehr als 30 Einzelthemen aus dem Isek-Entwurf regelrecht durchgepeitscht worden. Spielraum zum Entwickeln eigener Ideen habe es so gut wie nicht gegeben. Ihr Vorstandskollege Andreas Wegener findet es problematisch, dass wichtige Ausgangsinformationen wie beispielsweise ein umfassendes Verkehrskonzept bislang nicht vorliegen. „Wir wissen gar nicht genau, worüber wir eigentlich reden.“

Mehr Fahrradstraßen, die Sperrung des Straßenabschnitts zwischen Marktplatz und Aegidiuskirche oder die Reduzierung der Pkw-Stellplätze entlang der Einkaufsmeile: Die wenigen bisher bekannten Isek-Vorschläge hält Michael Ebeling zur Attraktivierung der Innenstadt für ungeeignet. Denn der nach wie vor trotz Internetkonkurrenz florierende Einzelhandel lebe von seiner einfachen Erreichbarkeit. „Das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.“

Wiedenbrücker Widerstand zahlt sich aus

Nicht bis ins Detail durchdachte Maßnahmen könnten schlimmstenfalls zu einem Ladensterben führen, sagt Ebeling. Er verweist auf die Einrichtung der Rhedaer Fußgängerzone in den 1980er-Jahren. Die Sperrung für den Autoverkehr habe – wie man heute wisse – zu einem schleichenden Verfall einer gewachsenen Einzelhandelsstruktur geführt.

Für Wiedenbrück habe es damals ähnliche Pläne gegeben, sagt Ebeling. „Allerdings mit dem Unterschied, dass wir uns mit Erfolg dagegen gewehrt haben.“ Dieser Wiedenbrücker Starrsinn habe sich ausgezahlt – davon zeuge die nach wie vor lebendige Stadt.

Notfalls mit rechtlichem Beistand kämpfen

Widerstand leisten gegen aus ihrer Sicht unvernünftige Isek-Ideen wollen die Händler auch jetzt. „Und wenn Gespräche mit der Stadt nichts bewirken, scheuen wir nicht davor zurück, uns rechtlichen Beistand zu holen“, bekräftigt Michael Ebeling vom Gewerbevereinsvorstand.

Stichwort: Isek

Für Rheda gibt es ein Integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept (Isek) bereits. Aktuell wird ein solches auch für Wiedenbrück erstellt. Die Maßnahmenkataloge sollen bei künftigen Entscheidungen zur Weiterentwicklung der Zentren als Richtschnur dienen. Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum nicht nur Rheda-Wiedenbrück, sondern auch zahlreiche Nachbarkommen Isek-Papiere erstellen lassen: Denn sie sind heute mehr denn je die Grundvoraussetzung, um bei der Realisierung einzelner Maßnahmen daraus in den Genuss von öffentlichen Fördermitteln zu gelangen.

Texte und Fotos von die-glocke.de sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.