Belarus durchs literarische Brennglas


Das Literarische Duett beschäftigte sich diesmal mit einem Geheimtipp: „Der ehemalige Sohn“ von Sasha Filipenko stammt zwar aus dem Jahr 2014, ist aber dennoch topaktuell.

Das literarische Duett um Hendrik Heisterberg (l.) und Lisa Voß-Loermann befasste sich unter der Moderation von Frank Schlösser mit dem Roman „Der ehemalige Sohn“. Martin Feldhaus

Ein absoluter Bestseller im Fokus zahlreicher Rezensenten? Das ist der Roman „Der ehemalige Sohn“ des belarussischen Schriftstellers Sasha Filipenko vielleicht nicht. Man könnte ihn eher als literarischen Geheimtipp einstufen, den nicht viele auf der Agenda haben. In Ahlen ist das aber möglicherweise bald anders. Denn das Buch wurde am Donnerstag in der achten Auflage des literarischen Duetts der VHS, das sowohl vor Ort als auch online besucht werden konnte, umfassend beleuchtet.

Die Journalistin und Literaturkennerin Lisa Voß-Loer­mann und ihr Diskussionspartner Hendrik Heisterberg, Lektor und Ghostwriter, schilderten und interpretierten hierbei unter Moderation von Frank Schlösser die fesselnde Geschichte des Protagonisten Franzisk aus Minsk, anhand derer die Leser das diktatorische belarussische Regime „wie durch ein Brennglas sehen“, wie Lisa Voß-Loermann betonte.

Den Ausgangspunkt des Romans markiert zunächst ein schrecklicher Unfall. Der junge Franzisk besucht ein Rockkonzert und gerät hierbei in eine Massenpanik, bei der er verletzt wird und ins Koma fällt. Ein Zustand, in dem er sich ganze zehn Jahre befindet. Weder Verwandte noch Ärzte glauben daran, dass er noch einmal erwacht. Seine Freundin wendet sich ab und selbst seine Mutter sucht sich eine neue Familie. Nur seine Großmutter hält zu ihm, besucht Franzisk regelmäßig im Krankenhaus und widersetzt sich sogar den Ärzten, als diese ihn sterben lassen wollen.

Über sie und andere Besucher erfahren Franzisk und die Leser, was sich in seinem persönlichen Umfeld und in Belarus insgesamt tut – oder eben auch nicht. Denn als er nach einer Dekade, hat sich in dem Land nichts verändert. Es scheint, dass die Zeit eingefroren ist: Junge Leute verlassen in Scharen ihre Heimat und jeder Protest einer sich formierenden Opposition wird vom politischen Machtapparat im Keim erstickt und mit brutalsten Mitteln niedergeschlagen.

Belarus im Sommer 2020? Könnte man meinen. Doch der Roman erschien bereits im Jahr 2014, spiegelt die Ereignisse, die in den Nachrichten um die Welt gingen, aber dennoch wider. „Das Buch wirkt topaktuell, so, als ob er 2020 mitgeschrieben hätte“, fand Heisterberg. „Das ist eine tiefgreifende Beschreibung einer Diktatur, die vor gar nichts Halt macht“, ergänzte seine Diskussionspartnerin.

Also ein politischer Roman mit ausschließlich ernsten Themen? Eine Aufklärung ohne Humor? Weit gefehlt. „Der Autor versteht es, einem das Gefühl zu geben, dass es doch ganz lustig ist“, so Lisa Voß-Loermann. So schaffe Sasha Filipenko es etwa, eine an sich todtraurige Szene, bei der augenfällig wird, dass Franzisk nach dem Erwachen aus dem Koma keinen Platz in der neuen Familie seiner Mutter mehr hat, noch mit einem tiefgründigen, lebendigen Humor anzureichern. Er sorge an verschiedenen Stellen für eine Mischung aus Belustigung und Entsetzen.

Wie geht es den Menschen in Belarus? Und wie leben sie dort? Wer sich diese Fragen stellt, findet in dem Roman Filipenkos, der in Minsker Buchläden nur unter der Hand erhältlich ist und nicht offen in den Regalen steht, möglicherweise Antworten.

von Von Martin Feldhaus

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