Dunkles Kapitel der Stadtgeschichte


Hexenverfolgungen, durch Folter erpresste Geständnisse und grausamste Hinrichtungen beispielsweise durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen. Das alles fand zwischen 1574 und 1652 auch in Ahlen statt.

Heinz Aden, Gabriele Moser-Olthoff, Christa Schwab, Dr. Alexander Berger, Matthias Grevel, Martina Grebe und Udo Wagener (v.l.) enthüllten die neue Erinnerungstafel am Alten Rathaus. Martin Feldhaus

An dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte und damit an die Schicksale der Opfer erinnert jetzt eine öffentliche Gedenktafel, die am Dienstag am Alten Rathaus am Markt angebracht wurde. Ein zufällig gewählter Ort im Zentrum der Stadt? Keineswegs. Denn im ehemaligen Rathaus befand sich damals das örtliche Gericht, exakt hier schmorten zahlreiche der Hexerei bezichtigte Frauen oder als „Werwolf“ denunzierte Männer in den Gefängnis- und Arrestzellen. „Hier fanden damals die Prozesse und Verurteilungen statt“, erklärt Heinz Aden, Pfarrer im Ruhestand, der Teil eines Arbeitskreises ist, der sich intensiv mit den Hexenverfolgungen in der Wersestadt auseinandergesetzt hat.

Den Ausgangspunkt der Tafel bildet ein Bürgerantrag im Jahr 2017, der das Thema auf die öffentliche Agenda hob und bewirkte, dass der Rat der Stadt Ahlen die Opfer der Hexenprozesse mit großer Mehrheit öffentlich rehabilitierte und ihnen im Namen der Menschenrechte ihre Ehre zurückgab.

Auch in der Folge beschäftigte sich der Arbeitskreis unter der Federführung von Hartmut Hegeler, ehemaliger Pfarrer aus Unna und Koryphäe zum Thema „Hexenverfolgung in Westfalen“, intensiv mit den Hexenprozessen in der Wersestadt. Quellenstudien führten etwa dazu, dass sich die Zahl der namentlich bekannten Opfer von 22 auf 50 erhöhte. Eine breite Öffentlichkeit erreichten die Mitglieder im Jahr 2018, als sie eine dreiwöchige Doppelausstellung sowohl im Heimatmuseum als auch in der Bartholomäuskirche mit einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm initiierten. „Wir haben damit eine nachhaltige Wirkung hervorrufen“, verdeutlicht Gabriele Moser-Olthoff, dass es so gelang, das Thema nachhaltig im Bewusstsein der Ahlener und der Stadtgeschichte zu verankern.

Die jetzige, vom Heimatförderkreis-Ahlen finanzierte Erinnerungstafel bildet insofern die letzte Etappe eines mehrjährigen Prozesses, etabliert einen dauerhaften und im Stadtbild sichtbaren Ort der Erinnerung. Neben einem Text, der Hintergrundwissen zu den Hexenverfolgungen vermittelt, ist ein historischer Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert zu sehen. Zudem ist es per QR-Code möglich, sich über die Namen der bislang bekannten 50 Opfer der Ahlener Hexenprozesse mitsamt entsprechender Jahreszahlen zu informieren. Anfangs hatte der Arbeitskreis insoweit eine Platte mit den eingelassenen Namen der Opfer geplant, was aber angesichts der immer weiter steigenden Zahl nicht möglich war. Fertiggestellt war die Tafel bereits im Herbst 2020, wurde pandemiebedingt aber erst jetzt angebracht und enthüllt.

„Ich bin mir sicher, dass sie das Thema lebendig halten werden“, sagte Bürgermeister Dr. Alexander Berger anlässlich der Enthüllung der Tafel zu den Mitgliedern des Arbeitskreises. Er betonte zudem, dass die Auseinandersetzung mit der Hexenverfolgung mit dem Anbringen der Tafel nicht ihren Abschluss finden dürfe. Das Thema sei vielmehr aktueller denn je. „Auch heute werden Menschen grundlos verfolgt“, stellte er klar und nannte beispielhaft religiöse und rassistische Motive. Ein Umstand, den auch Pfarrerin Martina Grebe unterstrich. „Das Menschen in Krisenzeiten Sündenböcke suchen, erfahren wir auch heute wieder“, so Grebe. Insoweit ist die Infotafel am Marktplatz wohl nicht nur ein Ort der Erinnerung an die Opfer, sondern auch ein Zeichen der Warnung.

von Von Martin Feldhaus

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