Oliver Thiel beendet Kampf im Dunkeln


So viel Spannung, so viel Freude haben die Vorhelmer Schützen seit fast drei Jahren vermisst. Der erste Festtag bescherte daneben so einige Premieren.

Hatte der Vogelbauer nach seiner langen Zwangspause etwa besonders hartes Holz oder Spezialleim verwendet? Es setzte jedenfalls schon die Dämmerung über dem Nachtkamp ein, als das Tier seine letzten aufgemalten Federn ließ.

Im Zelt sollte längst der Tanz begonnen haben, doch auch am späten Abend des Christi-Himmelfahrts-Tages konzentrierte sich das Vorhelmer Festgeschehen noch immer auf die Vogelstange, wo zum ersten Mal seit 2019 wieder ein Holzadler im Kugelfang für Spannung sorgte. Erst um 21.32 Uhr fegte Oliver Thiel den waidwund geschossenen Holzrest herunter und beendete damit einen langen, kräftezehrenden Kampf, an dem sich bemerkenswert viele Aspiranten beteiligten.

Nach fast drei Jahren ohne Aktivitäten hat der Allgemeine Schützenverein Vorhelm endlich wieder das umsetzen können, was ihm am Herzen liegt: Es wurde ein Schützenfest gefeiert, wie es im Bilderbuch steht. Obwohl: Einige mussten häufiger mal das Festprogramm aus der Tasche holen. Wann war noch mal was? Es muss sich alles erst wieder einspielen.

Dem Frühstück der Kompanien – erstmals hatte sich der Förderverein der Nicolaikirche dafür angeboten – folgte das erste Antreten, das diesmal an der Feuerwache den Festtag einläutete. Ein wenig Überlänge hatte indes die Schützenmesse in St. Pankratius. Endlich durften König Steffen Avermiddig und Königin Leonie Lakenbrink dann auch ihren letzten großen Auftritt im Amt absolvieren. „Danke Mama, dass du mich doch nicht enterbt hast“, sagte der scheidende Regent mit einem Augenzwinkern. Und auch die Throngesellschaft verabschiedete sich – erstmals mit einem schwungvollen Tanz.

Daneben gab‘s zwei weitere Premieren: Frank Thegelkamp begrüßte die angetretenen Formationen erstmals in seiner neuen Funktion als Hauptmann und ihren allerersten offiziellen Einsatz erlebten die 32 Mitglieder der neuen Kinderkompanie unter Führung von Guido Keil – begleitet von viel Applaus der „Großen“ und ihrem großen Stolz, den Holzgewehren.

Oberst Alfons Deitert machte aus seiner Freude keinen Hehl, dass wieder „ganz normal“ gefeiert werden könne. „Wir wollten alles daran setzen“, blickte er auf Gespräche voller Unsicherheit zu Beginn dieses Jahres zurück. „Geblieben ist eine massive Kostensteigerung in allen Bereichen, einhergehend mit einem uns bisher nicht gekannten Mangel an Waren und Dienstleistungen.“ Da der bisherige Zeltverleiher sein Geschäft aufgegeben hatte, musste auch in diesem Punkt umdisponiert werden. Aber alles gelang passgenau.

Nach der Kranzniederlegung und dem Umzug durchs Dorf, an dem sich ebenso stark die Patenkompanie aus der „Westfalen-Kaserne“ unter Führung von Major Ludwig von Düsterlohe beteiligte, verlagerte sich das Schützenvolk auf seinen Platz im Nachtkamp. Das Wetter zeigte sich dabei in einer besonderen Bandbreite zwischen Sonne und Bewölkung.

Platzkonzert, Kinderbelustigung, Schießwettbewerbe und Frisches vom Grill ließen in den darauffolgenden Stunden keine Langeweile aufkommen. Viele Besucher hatten sich jahrelang nicht gesehen.

Mit Luise Lütke Coßmann und Prinzgemahlin Leonie Kolbe stand am frühen Nachmittag das erste neue Regentenpaar fest. Doch lange Zeit war nicht klar, wer am Ende beim großen Vogel das Rennen machen würde. Zwischenzeitlich munkelten die Zaungäste etwas von „Kaiserwetter“, während die Insignienjäger ihr Werk verrichteten. Die Krone ergatterte Alfons Deitert, den Apfel Simon Middrup und das Zepter Sven Huesmann. Dirk Kortenjan brachte die linke Schwinge zu Fall, Hubert Ostkamp die rechte. Tobias Büttendorf schoss letztlich den Stoß ab.

Doch erst gegen 20 Uhr trennte sich die Spreu vom Weizen. Heiß gehandelt als Kandidaten wurden hier neben Oliver Thiel auch Gerd Kleinikel, Lisa Stücke, Robin Strob, Claudia Wiethaup, Frank Herweg und Ralf Lütke Coßmann.

Thiel, der sich bisher eher im Vorhelmer Kaneval einen Namen gemacht hat und dort Bühnenerfahrung sammelte, beendete mit dem 331. Schuss die lange Frage nach dem Nachfolger von Steffen Avermiddig, der länger als gedacht das Zepter schwingen musste. Ein Raunen ging durchs Publikum, als der Regent auf den Schultern von Ralf Lütke Coßmann und Thorsten Brockhues die ersten Huldigungen entgegennahm. Jetzt konnte sie also starten, die ersehnte Zeltfete.

von Von Christian Wolff

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