Sicherer und bequemer durch Süd/Ost


Rottmannstraße und andere als Einbahnstraße, Fahrräder auf die Fahrbahn, Kreuzungen ohne Kanten: Das ist Konzept für die nächsten 30 Jahre in den Ahlener Stadtteilen Süd und Ost. Los gehen könnte es jetzt am Hansakresiel und hinter dem Bahnhof.

Bis zu acht Prozent Steigung: Für sie kein Problem, zum Bahnhof zu kommen, aber für Rollstuhlfahrer? Für die Neugestaltung von Zuwegung und hinterem Bahnhofsvorplatz sind 300 000 Euro veranschlagt. Ulrich Gösmann

Die barrierefreie Umgestaltung des Hansakreisels und des hinteren Bahnhofsplatzes sollen ein kleiner Anfang sein, um ein Konzept zügig an den Start zu bringen, das in den nächsten 30 Jahren Verkehrsverhältnisse für Fußgänger und Radfahrer im Osten- und Südenstadtteil „besser, sicherer und bequemer gestaltet“, wie Diplom-Ingenieur Dr. Uwe Höger vom Büro akp Stadtplanung und Regionalentwicklung (Kassel) am Montagabend im Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz und Mobilität formulierte. Kommunalpolitiker zeigten sich in der fast zweistündigen Aus­ein­andersetzung beeindruckt, verwirrt und irritiert.

Zwei Jahre lang war an dem Gesamtkonzept „Barrierefreier fuß- und radverkehrsfreundlicher Süd-Osten“ gearbeitet worden (wir berichteten). Der jetzt vorliegende Abschlussbericht hat Buchstärke. „Irgendwo muss man anfangen“, erklärte Uwe Höger – und nannte zwei Vorzugsrouten für den Fußverkehr, die als erste entwickelt werden sollten. Vorzugsroute Nummer eins führt von den Wohngebieten an der Alten Beckumer Straße über die Rottmannstraße am Dr.-Paul-Rosenbaum-Platz vorbei über die Zeppelinstraße bis zum hinteren Bahnhof. Vorzugsroute Nummer zwei startet am Glückaufplatz, verläuft über die Hansa- und Rottmannstraße, trifft entlang des Rosenbaum-Platzes auf Route eins, um dann bis zur Innenstadt am Kerkmann-Platz vorbei wieder einen eigenen Weg zu gehen.

Eine konzeptbegleitende Arbeitsgruppe empfiehlt jetzt sechs Maßnahmen, die mit Hilfe der Städtebauförderung möglichst zeitnah umgesetzt werden sollen:

Barrierefreier Umbau des Hansaplatzes.

Umgestaltung der Rottmannstraße in Höhe des Rosenbaum-Platzes in eine Einbahnstraße (stadteinwärts). Der parallele Radverkehr soll über einen Schutzstreifen rollen, im Gegenverkehr auf einem rot markierten Radfahrstreifen. Der gewonnene Platz auf dem Bürgersteig vor den Geschäften ermöglicht barrierefreien Fußverkehr.

Radverkehrsfreundliche und barrierefreie Umgestaltung der Kreuzung Zeppelin- / Rottmannstraße.

Entwicklung einer rad- und fußverkehrsfreundlichen Bahnhofszuwegung. Ein neuer Pfad von der Industriestraße über die Grünfläche zum Fußgängertunnel des Bahnhofs soll mit weniger Maximalsteigung auf den letzten Metern mobilitätseingeschränkten Menschen die Nutzung erleichtern. Ebenfalls mit eingeschlossen ins Bahnhofspaket ist die Schließung der Radverkehrslücke auf der „Straße ohne Namen“, wie sie im Konzept genannt wird. Sie verbindet die Indu­strie­straße und Zeppelinstraße hinter dem Stadtwerke-Areal. Durch Verbreiterung und ebenen Ausbau des Bürgersteigs bleibt nur noch Platz für motorisierten Einbahnstraßenverkehr. In diesem Zusammenhang soll geprüft werden, ob die Straße „Am Schürhof“ die Einbahnstraßenführung in Gegenrichtung übernimmt.

Verbesserung der Schulwegsicherung außerhalb der Vorzugsroute durch einen Komplettumbau der Schachtstraße vom Glückaufplatz bis zum Ostfriedhof.

Verlängerung der Grünverbindung Knappenweg über die Heinrich-Imbusch-Straße zum Zechenbahnradweg, ebenfalls außerhalb der Vorzugsroute.

Die Verwaltung schlägt vor, mit dem Hansakreisel und Bahnhofspaket zu starten. Von einer förderfähigen Summe in Höhe von 400 000 Euro seien 340 000 über die Bezirksregierung bereits abrufbar, wie Stadtplaner Markus Gantefort erklärte.

Martin Hegselmann (CDU) sah Anwohner am Schürhof auf die Barrikaden gehen, wenn ihre Gasse Einbahnstraße werde. Beim Umbau der „Straße ohne Namen“ und auch anderswo stelle sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Wie oft passiere es, dass sich Rollstuhl und Kinderwagen begegneten? „Da muss ich auch mal 20 Sekunden warten können.“ Dr. Uwe Höger reagierte: Dran vorbei lassen hieße etwa für einen Rollstuhlfahrer, über die Bordsteinkante auf die Straße auszuweichen. Das funktioniere nicht.

Silvia Hillebrand (FWG) sorgte sich um wegfallende Parkplätze, die Bestandteil des Konzepts seien. Höger: „Es wird nicht der Crash, dass plötzlich 80 Parkplätze wegfallen.“ Vielleicht seien es drei bis fünf im Jahr. Hillebrand setzte hinter die Erreichbarkeit des Netto-Discounters an der Rottmannstraße ein Fragezeichen, wenn sie denn Einbahnstraße werde. Dr. Uwe Höger hielt als Alternative zur großen Runde um den Rosenbaum-Platz eine separate Abbiegespur auf der Zeppelinstraße für denkbar.

Norbert Fleischer (FDP) zeigte sich „leicht verwirrt“. Das Gesamtkonzept sei gut, eine Abstimmung müsse aber getrennt werden von konkreten Maßnahmen und ihrer Kosten. Und: „Es ist schade, dass die erste Maßnahme nicht direkt in Süd/Ost beginnen soll, sondern am Bahnhof.“ Der sei jetzt zwei Jahre Baustelle gewesen. Es könne keinem Bürger klargemacht werden, dass es da jetzt schon wieder losgehe. Stadtplanerin Angelika Schöning widersprach. Das sei konsequente Fortsetzung. Der Bahnhof verfüge jetzt über Aufzüge und eine Rampe. Für mobilitätseingeschränkte Menschen bleibe das Problem, über die steile Zuwegung überhaupt bis zum Bahnhof zu kommen.

Ulf Rosenbaum (CDU) schwankte zwischen „beeindruckt“ und „verwirrt“. Er habe ein klareres Konzept etwa für Radfahrer erwartet, die nun wohl wieder von einer Situation in die andere umspringen müssten. Und auch das: „Über wie viele Millionen Euro sprechen wir überhaupt in den nächsten 30 Jahren?“ Bis zur Entscheidung im Rat erwarte er Zahlen.

Andrea Jaunich (SPD) zeigte sich irritiert, dass es in einigen kritischen Diskussionsbeiträgen „wieder nur ums Auto“ gegangen sei. Es gehe um Fußgänger, um Radfahrer, um mobilitätseingeschränkte Menschen, ja und auch ums Auto. Die Zeit sei überfällig, sich von altem Denken frei zu machen. Zu Beginn der Sitzung hatte Jaunich den Antrag gestellt, den Tagesordnungspunkt nur zu beraten. Immerhin gab es dafür einstimmige Zustimmung.

von Von Ulrich Gösmannund

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