Mit Musik demenzkranke Menschen unterstützen


Andrea Schlang aus Ostbevern ist Musikgeragogin. Sie setzt auf die Lernfähigkeit von Senioren - auch, wenn sie an Demenz erkrankt sind. 

Andrea Schlang vermittelt auch zu Hause musikalische Bildung, egal ob Harfe, Klavier oder doppelte Ukulele. Foto: Ostkotte

Kreis Warendorf / Ostbevern (mo) - „Mein Leben besteht aus Musik. Überall wo ich bin, hinterlasse ich meinen musikalischen Fußabdruck“, sagt Andrea Schlang. Sie arbeitet als Musikgeragogin, Dozentin, Chorleiterin und gibt Instrumentalunterricht für verschiedene Instrumente: Gitarre, Ukulele, Quer- und Blockflöte, Klavier und Veeharfe sind nur einige davon. 

Ab 50 Jahren

Doch was ist Musikgeragogik eigentlich? Gemeint ist die musikalische Bildung in der älteren Generation ab 50 Jahren. Das Ziel der Musikgeragogik ist es, Musik zu vermitteln oder Aneignungshilfe zu sein. Es gehe darum, dass man auch im Alter noch lernfähig ist und sich mit neuen Dingen auseinandersetzen soll. „Kognitive Arbeit ist wichtig“, erklärt Andrea Schlang. 

Keine Musiktherapie

Fokus soll die Freude an Musik, das qualitative Lernen eines Instruments oder Gesangstücks sein. „Es ist keine Musiktherapie“, betont Schlang. Doch es geht auch um mehr als nur die Aktivierung der grauen Zellen. Ein großer Teil der Arbeit findet in Zusammenarbeit mit Alten- und Pflegeheimen statt. „Es geht darum, Menschen mit Demenz über die Musik zu erreichen“, sagt die Musikgeragogin. 

Biografischer Hintergrund

Dafür ist es ihm Rahmen dieser Arbeit besonders wichtig, sich den biografischen und kulturellen Hintergrund der Personen anzueignen. „Unser Musikstil entwickelt sich etwa ab dem 14. Lebensjahr. Diese Zeit ist für meine Arbeit relevant, daraus muss ich ein musikalisches Angebot machen“, erklärt sie weiter. Es gehe darum, genau hinzuschauen. Was ist für diesen Menschen gut? „Musik hat viele Facetten. Volkslieder oder Schlager funktionieren sehr oft. Aber auch Kirchenmusik“, sagt Schlang. 

Detektivarbeit lohnt

Doch die Detektivarbeit lohnt sich. Ein prägnantes Beispiel ist der Fall einer schwer demenzkranken Frau, die nicht mehr in der Lage war zu sprechen. Über einen Zeitraum von anderthalb Wochen sang Andrea Schlang ihr immer wieder den Titel „Kein schöner Land“ vor, ein Volkslied aus den Jugendtagen der Frau. Und nach einiger Zeit konnte sie den Titel mitsingen. Sie hat nie mehr normal gesprochen, aber das Lied konnte sie singen. Eine enorme Erleichterung und Rührung sowohl für die demente Frau als auch für Familie und Pflegepersonal.

 „Das ist Wahnsinn, was da erreichbar wird“

 „Das ist Wahnsinn, was da erreichbar wird“, erinnert sich Schlang. Wie das klappt? „Musik wird als kompaktes System im Langzeitgedächtnis gespeichert – da ist die Demenz nicht. Bestimmte Lieder bleiben abrufbar, man muss nur erstmal den Schlüssel finden“, erklärt sie.

Junge Pfleger kennen alte Lieder nicht

„Das Verständnis für Musik im Alter fehlt leider oft“, sagt Schlang. Auch die Einrichtungen haben häufig nicht das Personal mit der entsprechenden Ausbildung. „Die alten Lieder sind den jungen Pflegefachkräften kein Begriff mehr, aber das muss man sich für meine Arbeit aneignen“, erklärt sie. 

Mehr als nur Singen

Doch es geht um mehr als nur Singen. Andere Aspekte seien Tanz, Musik mit Medien, Stimmbildung oder Instrumente. Bei der Stimmbildung geht es zum Beispiel um spielerisch gestaltete Atemübungen. „Ich lasse die Senioren Windmühlen anpusten, die haben dabei Spaß“, erklärt Schlang. Eigentliches Ziel sei die Aktivierung der tieferliegenden Atemwege, die im normalen Alltag durch die flache Atmung beim Sitzen oder Liegen kaum genutzt würden.

Die Ukulele

 Ein wichtiges Instrument in der Musikgeragogik ist die Ukulele. „Instrumente haben unterschiedliche Wirkungen. Die Gitarre beruhigt, die Ukulele belebt. Sie verbreitet regelrecht Lebensfreude“, sagt Schlang. Das funktioniere auch bei Demenzkranken. Die Musik wecke Emotionen, diese Verbindungen können sogar schon im Säuglingsalter entstehen. Mit der Emotion kommt dann die Erinnerung.

Musik mitgestalten

 Außerdem ist die Ukulele leicht zu erlernen. Mit ihr lässt sich auch einfach nur ein Akkord spielen, den die Senioren greifen und so die Musik mitgestalten können. Die Ukulele findet auch über das Ukulele-Ensemble „Nani Wa“, das stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet so viel wie schöne Klänge, ihren Weg in die Pflegeeinrichtungen und verbreitet gute Stimmung. „Man kann schöne Veranstaltungen gestalten und auf Reisen gehen“, schließt Schlang. 

Kontakt

Wer das Ukulelespiel erlernen möchte, kann sich bei Birgit Vormann von der KolpingAkademie Münster unter Telefon 02541 / 803469 oder vormann@kolping-ms.de informieren.

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