Geschichte der Zwangsarbeiter in Beckum erforscht



Auch in Beckum wurden zwischen 1939 und 1945 verschleppte Menschen zur Arbeit gezwungen. Reinhold Sudbrock hat dazu geforscht.

Stellten die Arbeit zu Zwangsarbeitern in Beckum vor: (v. l.) Autor Reinhold Sudbrock, Kreisarchivar Dr. Knut Langewand und Stefan Wittenbrink vom Heimat- und Geschichtsverein.

Beckum (scl) - Das Schicksal der Zwangsarbeiter in Beckum hat Reinhold Sudbrock eigentlich schon immer interessiert. Nicht zuletzt, weil er bereits als Kind über seinen Vater zumindest in Andeutungen vom Schicksal der im Zweiten Weltkrieg Verschleppten erfuhr. Im Rahmen des Projekts Geschichtswerkstatt hat Sudbrock das düstere Kapitel in der Geschichte seiner Heimatstadt aufgearbeitet.

Umfangreiche Dokumentation

Dabei herausgekommen ist nach zweijähriger Arbeit eine umfangreiche Dokumentation, die mit reichlich Zahlen und Fakten aufwartet. Doch Reinhold Sudbrock sah sich im Verlauf seiner Recherchen auch mit erschütternden Schicksalen konfrontiert, die jenseits aller Statistiken für das unermessliche Leid stehen, das die Zwangsarbeiter unterschiedlichster Nationalitäten im Deutschen Reich und eben auch in Beckum erleiden mussten.

Der Erkenntnis, dass die NS-Geschichte der Püttstadt in großen Teilen eher oberflächlich oder auch gar nicht aufgearbeitet wurde, begegnet der 77-jährige Sudbrock mit seiner exakten Untersuchung.

Bei Unternehmen wenig zu holen

Sozusagen in Fortsetzung des wegen Corona abgebrochenen Projekts „Maikäfer flog“, das Zeitzeugenberichte zum Kriegsende in Beckum sammelte, hat sich der Beckumer auf die Spurensuche gemacht. Und bald festgestellt, dass bei den Beckumer Unternehmen zum Thema Zwangsarbeit nicht mehr viel zu holen ist. Vielfach wurden die Dokumente nach dem Krieg vernichtet.

Wertvolle Zeitzeugenberichte

Umso wertvoller sind Sudbrock die Erinnerungen von Menschen, die sich noch an die Zeit zwischen 1933 und 1945 erinnern können. Allerdings, so hat er festgestellt, werden die Zwangsarbeiter in der Retrospektive vielfach weniger als Opfer denn als Täter gesehen. Racheakte an ihren Peinigern und die Zwangsräumung von etlichen Wohnungen im Beckumer Norden nach dem Krieg zur Unterbringung der Befreiten verstellen oftmals den Blick darauf was Russen, Polen, Ukrainer, aber auch Holländer und Franzosen als zwangsrekrutierte Arbeitskräfte zu erleiden hatten.

Sudbrocks Fazit: „Über Zwangsarbeiter wurde nie geredet – außer über ihre Untaten nach der Befreiung.“

2320 Zwangsarbeiter

Dabei waren die Verschleppten zeitweise allgegenwärtig in der Stadt. 1375 Fälle konnte Sudbrock nach Auswertung verschiedener Quellen identifizieren. Dazu kommen noch 945 Kriegsgefangene, die zur Arbeit in der Landwirtschaft oder in der Industrie gezwungen wurden. Somit summiert sich die Zahl der zur Arbeit Gepressten auf insgesamt 2320 – ein beachtlicher Wert angesichts von seinerzeit nur 20 000 Einwohnern. An nachweislich nicht weniger als 156 Orten wurden in Beckum Zwangsarbeiter eingesetzt. Es gab eine beträchtliche Anzahl von Lagern zu ihrer Unterbringung – das größte befand sich seit 1943 an der Weststraße und wurde von der „Gesellschaft für Ostarbeiterinnen Beckum“ betrieben.

Späte Klärung

Als zu Beginn der 2000er-Jahre die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter auf der politischen Agenda stand, wandten sich 15 Personen an die Stadt Beckum, um ihr Schicksal als Zwangsarbeiter dokumentieren zu lassen. In sieben Fällen konnte die Bestätigung aufgrund vorhandener Unterlagen erfolgen. „Darüber, ob dann auch tatsächlich Entschädigungen an die Betroffenen geleistet wurden, gibt es keine Erkenntnisse“, erklärt Reinhold Sudbrock.

Ergiebige Tabellen

Vor Ort war für seine Dokumentation also nicht sehr viel zu holen – daher weitete der Beckumer Forscher seine Recherche aus. Sein erklärtes Ziel: eine möglichst präzise Darstellung der Fakten und die Ermittlung möglichst vieler Namen. „Als sehr ergiebig hat sich das Arolsen-Archiv erwiesen“, berichtet er. Aber auch alte AOK-Tabellen über die versicherungspflichtigen Zwangsarbeiter und Meldungen der Krankenhäuser in Beckum und Neubeckum erwiesen sich als wahre Fundgruben. Im Kreisarchiv schließlich waren 859 Fälle dokumentiert. Viel Quellenarbeit musste Reinhold Sudbrock für seine Dokumentation leisten, deren Abfassen ihn zwei Jahre Zeit kostete.

Erschütternde Schicksale

Die Schicksale der Beckumer Zwangsarbeiter, sie sind Reinhold Sudbrock bei seiner Arbeit teilweise nahe gegangen. So wie im Fall der jungen polnischen Frau von einem Bauerhof in der Bauerschaft Dalmer, die im Waltroper „Zwangsentbindungs- und Abtreibungslager“ am 18. März 1945 Zwillinge zur Welt brachte. Keinen Monat später starben die beiden Babys in Beckum – offiziell an „Herzschwäche“.

Reinhold Sudbrock geht dagegen davon aus, dass die Kinder unversorgt blieben und man sie einfach verhungern ließ. Ein Grabstein auf dem Beckumer Elisabethfriedhof erinnert noch heute an die Zwillinge. Allerdings trägt er die falsche Inschrift „Hier ruhen die Russen“ und das falsche Todesdatum. „Das hat mich ein bisschen mitgenommen“, kommentiert Reinhold Sudbrock das grausame Schicksal der Kinder, in deren Namen er eine Korrektur der Inschrift fordert.

Bauernsöhne tauschen unfreiwillig die Heimat

Bei seiner Arbeit stieß er auch auf den Fall eines ukrainischen jungen Mannes, der auf einem Beckumer Hof arbeiten musste, während der Sohn des Hofes, zum Kriegsdienst eingezogen, in der Ukraine auf dem elterlichen Hof des Zwangsarbeiters einquartiert wurde.

Oft, aber nicht immer wurden die verschleppten Arbeitskräfte grausam und menschenverachtend behandelt. Sudbrock berichtet von einem Fall, in dem ein ehemaliger jugoslawischer Zwangsarbeiter den Kontakt zum Hof Tigges in Unterberg auch nach dem Krieg aufrecht erhielt.

Unmenschliche Einsatz am Bahnhof

Was Sudbrock bedauert, ist, dass er nicht mehr auf allzu viele Zeitzeugenberichte zurückgreifen kann. „Wir haben zwar eine ganze Reihe, aber es sind uns immer noch zu wenig“, spricht er für die Geschichtswerkstatt. Und verweist auf eine Beschreibung, wie Zwangsarbeiter auch bei Bombardements aus der Luft ungeschützt im Bahnhof Neubeckum an der Gleisreparatur arbeiten mussten. Dabei wurden sie mit der Peitsche vom Rottenführer traktiert. Der starb nach der Kapitulation Deutschlands schnell eines gewaltsamen Todes.

Zwölf Russen sterben in Beckum 

Sudbrock stieß auch auf die traurige Geschichte von zwölf Russen, die als Arbeitskräfte dem Zementwerk Bomke und Bleckmann zugeordnet wurden, dort aber in bereits sehr schlechtem Gesundheitszustand ankamen. Der wohlmeinende Versuch einer Helferin, sie mit einer kräftigen Specksuppe wieder zu Kräften zu bringen, scheiterte. Alle zwölf starben in Beckum. „Aber wo sind sie geblieben?“, fragt Reinhold Sudbrock, der darauf verweist, dass keine Grabstelle bekannt ist.

Veröffentlichung geplant

Die 125-seitige Arbeit Reinhold Sudbrocks soll noch möglichst dieses Jahr in der Schriftenreihe „Quellen und Forschung zur Geschichte im Kreis Warendorf“ erscheinen, wie Kreisarchivar Dr. Knut Langewand und Stefan Wittenbrink vom Kreisheimatverein ankündigen. Obwohl die Geschichtswerkstatt des Heimatvereins mit 15 000 Euro von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ (EVZ) gefördert wird, werden für die Herausgabe der Dokumentation noch Sponsoren gesucht. Wittenbrink möchte sich darüber hinaus dafür einsetzen, dass am Standort des früheren Zwangsarbeiterlagers an der Weststraße – etwa im Bereich der Sparkasse – eine Erinnerungsstätte geschaffen wird.

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